Original oder Patina: Die Diskussion um „historische Substanz“ - 8 Jahre Charta von Turin am Beispiel der Glasurit Lackexpertise

Vor genau 8 Jahren erschien die von der Fédération Internationale des Véhicules Anciens (FIVA) verabschiedete „Charta von Turin“, die in 11 Artikeln Vorschläge und Zielsetzungen zur Erhaltung und fachgerechten Restaurierung von historischen Fahrzeugen veröffentlichte. Im Kern fordert die Charta zur Erhaltung der historischen Substanz unter Verwendung zeitgemäßer Materialien und Arbeitsprozesse auf, wenn es um die Erhaltung, Restaurierung oder Reparatur historischer Fahrzeuge geht. Die Diskussion war eröffnet und zeigte, dass der Begriff historische Substanz in der Szene sehr unterschiedlich verstanden wurde.

Äußerst hilfreich war dabei ein 120 Seiten starkes Werk, das Handbuch zur Charta von Turin, dass Ende 2017 herauskam und quasi als Anleitung für fachgerechtes Reparieren und Restaurieren gilt (FIVA Charter of Turin Handbook). Die Agenda dieses Handbuches listet in drei Kapiteln die in Wort und Bild vorgestellten Arbeitsprozesse und praktischen Tipps zur Motor-, Getriebe-, Fahrwerk-, Bremsen und Chassis-Reparatur einschließlich Leder und Lackierung. Ein besonderes Kapitel, das als Appendix im Handbuch veröffentlicht wurde, steuerten die Lackexperten der Glasurit bei, die als Premium-Lackmarke der BASF seit 2016 als exklusiver Ratgeber der FIVA tätig ist und den Weltverband der Oldtimer-Clubs in allen Fragen zur Lackierung klassischer Fahrzeuge unterstützt.

Von unberührt bis zur historisch korrekten Lackmischformel

Bis zur Veröffentlichung der Charta reichte das Diskussionsspektrum beim Thema Lackierung klassischer Fahrzeuge von „Neulackierung oder Besser als Neu“ bis hin zur „absoluten Unberührtheit oder original belassene Lackierung“. Dass dies im Extremfall mitunter bedeutete, einen durchgerosteten Scheunenfund als „historische Substanz“ anzupreisen, war der Intention der Charta ebenso wenig dienlich, wie die mit modernsten Lackierverfahren aufbereiteten Blender. Offenbar gibt es aber für beide Extreme entsprechende Interessenten, da auf manchen Auktionen Fahrzeuge beider Lager zu sehen sind: den komplett neu aufgebauten und restaurierten Klassiker, bei dem in sogenannten „Frame-Off“-Restaurierungen jedes Bauteil erneuert wurde und den in historischer Originalsubstanz erhaltene Klassiker. Letzterer geht in der Regel als Sieger vom Platz, bzw. erzielt Höchstpreise, da er ein historisches Original repräsentiert. Beste Beispiele dafür sind die enormen Preise die in jüngster Vergangenheit für solche Fahrzeuge im Originalzustand gezahlt wurden. Erst im Januar 2021 wechselte bei Mecum Auctions in den USA der original erhaltene Ford Mustang GT den Besitzer (siehe GTÜ-Classic News) den Besitzer. Ein von Steve McQueen im Kultfilm Bullitt gesteuerter und original belassener Klassiker. Ein Jahr zuvor galt das in den USA von ICON und Stealth sanft restaurierte 1949 Mercury Eight Coupe auf der SEMA (Specialty Equipment Manufacures Association) als Publikumsmagnet und –liebling (Bild: 1949 Mercury Eight Coupe Foto ICON).

 

Demonstrationsobjekt im Einklang mit der Charta

Wie die FIVA Charta in Sachen Lackierung interpretiert werden sollte, veröffentlichte die Firma Glasurit zunächst mit ihrem Fachbeitrag zum Thema „Lackierung“ im Handbuch der FIVA. Ein Jahr später stellte das Unternehmen auf der Techno Classica in Essen ein Demonstrationsobjekt auf ihrem Messestand vor. Der Jaguar MK IX aus dem Jahre 1960 war in vielerlei Hinsicht der Hingucker par exellance (Bild: 1960 Jaguar MK IX Foto Glasurit) und gleichzeitig ein praktisches Beispiel, wie Lackreparaturen im Einklang mit der Charta von Turin durchgeführt werden sollten. Jürgen Book, Verantwortlicher für den Bereich Classic Cars bei Glasurit, stellte auf der Messe mit seinem Team die Vorgehensweise der sanften Jaguar Lackreparatur vor. Die Lack- und Farbtonkompetenz des Unternehmens konnte so vor Ort am praktischen Restaurierungsobjekt überprüft und anhand der Reparaturverfahren in anschaulichen Beispielen eingesehen werden. Grundlage der Maßnahmen war im Falle des Jaguars zunächst eine thermografische Untersuchung, die den Lackaufbau und eventuelle Lackschäden oder alte Reparaturstellen deutlich sichtbar macht.

 

Entscheidungshilfen und Reparaturverfahren

Am Beispiel des Jaguars, dessen Lackierung mehrere Reparatur- und Gebrauchsspuren aufwiesen, demonstrierten die Experten welche Entscheidungshilfen das FIVA-Handbuch und die Reparaturverfahren der Glasurit bieten. Anhand der hauseigenen Farbtondatenbank konnten auch die historischen Jaguar-Farbtöne mit originalen Lackmusters nachgestellt werden. Die Expertise geht davon aus, dass historische Fahrzeuge in der Regel genutzt werden. Während dieser Nutzungszeit bleibt es nicht aus, dass Fahrzeuge repariert oder nachlackiert werden. Deshalb unterscheidet sich die Lackierung von Oldtimern meist grundlegend vom Original. Fahrzeuge, deren Lack nie nachgebessert wurde, sind äußerst selten. Das Handbuch führt den Anwender im Bereich der Lackierung zunächst einmal zu den Kernfragen einer jeden Restaurierung: Wie ist der Lackzustand des Fahrzeuges und was möchte ich mit der Restaurierung eigentlich erreichen? Für diese grundlegenden Fragen des Lackzustandes, hat das Unternehmen einen eigenen Lackschädenratgeber herausgegeben, der auch im Internet eingesehen werden kann (Lackschadenbroschüre). Ob Lackierfehler oder äußere Einflüsse: Im Glasurit Lackschädenratgeber wurden die häufigsten Lackschäden zusammengestellt. Der Ratgeber liefert Definitionen und Ursachen einschließlich Tipps zur Vermeidung und Reparatur.

 

Spot Repair Lackierprozess: Wirtschaftlich und Wertsteigernd

Ein weiteres sehr aktuelles Thema im FIVA Handbook findet sich im Paint Chapter von Jürgen Book. Gemeint ist der Spot Repair Lackierprozess, der eine effiziente und professionelle Reparatur kleinerer Lackschäden zum Thema hat. Diese im Fachjargon „smart repair“ genannte wirtschaftliche Reparatur von Lackschäden ist ein Spezialverfahren im Segment der Fahrzeugaufbereitung, die dem Werterhalt und der Wertsteigerung dient, also für Classic Cars äußerst interessant. Vor allem Kleinst- und Bagatellschäden, wie sie unter anderem auch in der Lackschadenbroschüre aufgeführt sind, machen die Reparatur von kleineren Kratzern und Steinschlag-Dellen oder andere Schönheitsfehler durch Spot Repair Verfahren äußerst wirtschaftlich. Das Handbuch enthält dazu eine Matrix der Firma Glasurit, wie in solchen Fällen der „Charakter“ eines Klassikers erhalten werden kann (Bild: Smart Repair). Sollte jedoch eine grundsätzliche Restaurierung des Fahrzeugs anstehen, können Fachbetriebe und Fahrzeugbesitzer Online im Bereich Farbton-Kompetenz klassische Farben nach Hersteller, Fahrzeugmodell, Baujahr und Farbgruppe suchen. Bei der Komplettrestaurierung eines Oldtimers ist sehr wichtig, den richtigen Epochenfarbton zu ermitteln, da dieser heutzutage ein wichtiger Faktor für die Beurteilung des Aussehens und des Fahrzeugwertes ist. Das Handbuch der FIVA enthält dazu wertvolle praktische Empfehlungen und zeigt in zahlreichen Abbildungen verlässliche Hinweise, was unter historischem Substanzerhalt zu verstehen ist.