Auktionsjahr 2020: Classic Car Markt sehr widerstandsfähig, Rekorde und Überraschungen trotz Corona – aber Wertrückgang

Nahezu alle Branchen des globalen Marktes haben das Corona-Jahr 2020 mit deutlichen Blessuren oder zumindest spürbaren Umsatzeinbußen abgeschlossen. Betrachtet man den Markt für Classic Cars und hier vor allem die Auktionen, so ist feststellbar, dass dieser Markt trotz allen Widrigkeiten in 2020 äußerst widerstandsfähig war und trotz Corona für Auktionsrekorde sorgte. Dies ist nicht zuletzt auf das Engagement der Bieter und der nahezu ungebrochenen Begeisterung der Sammler und Enthusiasten zurückzuführen.

Rekordverdächtiger Auftakt im Januar 2020

Nachdem das Jahr 2020 ohne große Veränderungen gestartet war, die Bremen Classic Motor Show ohne Einschränkungen startete, aber leichte Verunsicherung durch den ersten Corona-Fall im bayerischen Webasto-Werk aufkam, gab es erste spürbare Veränderungen auf der Stuttgarter Retro Classics und das chinesische Wuhan war in aller Munde. Allerdings hatte damals keiner das Ausmaß vorhersagen können, das diese Corona-Pandemie ein paar Wochen später in Deutschland und weltweit hinterließ. Stillstand in allen Lebensbereichen, spürbare Umsatzrückgänge durch Schließungen und ein ungeheurer Schub im Bereich digitaler Wertschöpfungen. Auch der ansonsten behäbige Auktionsmarkt wich ziemlich schnell auf den Autokauf per Mausklick aus. Ausnahme die USA, hier war das Auktionsgeschehen im Januar und Februar immer noch geprägt durch dichtes Gedränge in den Auktionshäusern in Pebble Beach, Amelia Island und Scottsdale. So konnte das Auktionshaus Mecum gleich im Januar mit einem Rekord in Kissimmee aufwarten, denn dort kam ein berühmtes Auto der Filmgeschichte unter den Hammer. Sagenhafte 3.7 Mio. US-Dollar (3.3 Mio. €) waren geboten, als der Hammer fiel. Der Ford Mustang GT Fastback, den Steve McQueen im Kultfilm „Bullitt“ fuhr war verkauft und wurde als 21. Automobil in die „National Historic Vehicle Register“ aufgenommen (siehe Abb. 1). Weitere Rekorde feierte das Auktionshaus Gooding & Co. in Scottsdale mit einem Umsatzrekord von 35,5 Mio. US-Dollar.

 

Absagen, Verschiebungen und komplettes Streichkonzert

Im März 2020 brach über die Welt die erste Pandemie-Welle herein. Panik machte sich breit. Im Automobilsektor schlossen die Autohäuser, die Fließbänder in den Werken wurden angehalten und landesweit wurden alle Events, Veranstaltungen und Messen abgesagt, verschoben oder ganz aus dem Terminkalender gestrichen. Zunächst hinterließen auch die Auktionshäuser ihre Terminabsagen im Kalender, doch sehr schnell stellten die großen Auktionshäuser auf Online-Events und den Kauf per Mauseklick um. Einzig in den USA fanden noch Auktionen mit Besuchern statt und zwei weitere Rekorde und Verkäufe standen auf der Bestenliste. Bei Gooding & Co. wurde ein Rolls-Royce 40/50 HP Silver Ghost Torpedo (siehe Abb. 2) aus dem Jahre 1914 für 2.2 Mio. US-Dollar (1.95 Mio. €) verkauft und Bonhams verbuchte für sich den teuersten Verkauf auf der Amelia Island Woche in den USA mit einem Bugatti Type 55 Super Sport Roadster (siehe Abb. 3) aus dem Jahre 1932 für 7.1 Mio. US-Dollar (5.8 Mio. €). Zeitgleich rieb man sich in Europa verwundert die Augen, denn der Dollar begann mit seinem Abstieg, der bis Jahresende 2020 dann rund 10% gegenüber dem EURO einbüßte (1.11 USD/EUR auf 1.22 USD/ EUR). Gut für die Europäer bei ihren Einkaufstouren in den USA, schlecht für US-Bürger, wenn Fahrzeuge europäischer Besitzer auf den Auktionen eingereicht wurden. Spürbare Preisverschiebungen weltweit waren die Folgen.

 

Ungeheurer Schub im Online-Bereich

Mit dem April kamen dann weitere Lockdowns, aber die Auktionshäuser hatten sehr schnell auf Online-Events umgestellt. Die Käufer blieben größtenteils zuhause und durchblätterten die Auktionskataloge online. Das galt auch für die großen Traditionsveranstaltungen von RM/ Sotheby´s in Palm Beach, oder die elitären Wochenenden der Villa d´Este und der Villa Erbe. Die Bieter gingen nicht mehr über den gepflegtes Parkgrün, sondern ließen die Prosecco-Korken zu Hause in selbstverordneter Quarantäne knallen. Auch in England lud das Auktionshaus Silverstone zu einer ersten vollständigen Online-Auktion und es funktionierte so gut, dass die Auktionshäuser begannen verstärkt Online-Einsteiger-Auktionen anzubieten. Allen voran Bonhams in England die mit der MPH-Auktion in Biscester ein neues erfolgreiches Format mit typischen Einsteiger-Klassikern starteten und RM/ Sotheby´s, die mit einem ähnlichen Format „Driving into Summer“ nachzogen. Bis zum Jahresende waren dann alle Auktionen auf Online-Betrieb umgestellt und der Dezember schloss mit einem weiteren Rekord, als Bonhams in London auf dem Online Bond Street Sale ein Fahrzeug aus dem James Bond Film „Im Geheimdienst ihrer Majestät“ anbot. Dieses 1969 Mercury Cougar Convertible XR-7 Modell mit Skiern auf dem Dach (siehe Abb. 4) ging am 16.12.2020 für 398.591 EUR an einen neuen Besitzer. Wohl der teuerste Mercury aller Zeiten.

 

Deutlicher Abschwung bei den Preisen

Trotz der erschwerten Verkaufsbedingungen und dem für Enthusiasten zunächst ungewohnten Format der Online-Auktionen, gab es also auch 2020 große Überraschungen. Die bittere Pille ist aber unterm Strich zu finden. Trotzdem das Auktionsvolumen mit rund 5.300 Angebote annähernd so hoch war wie im Jahr zuvor (2019: 5.200 Angebote) zeigte sich die Veränderung in den Ergebnissen mit einem deutlichen Abschwung in den Umsätzen. Analysiert man das Corona-Jahr auch hinsichtlich der Preise, so ist eine spürbare Konsolidierung mit leichten Wertverluste im Klassikermarktes zu beobachten. Dieser Trend hat sich auf dem Gipfel der Hochpreisphase Ende 2017/2018 abgezeichnet und zeigt weiter kontinuierlich nach unten. Das gilt indes nicht für alle Automobile, aber für die Masse der Classic Cars. Ausnahmen bilden hier die Exklusiven Fahrzeuge der Supersportwagen und besonderen Unikate. Hier ist ein sehr deutlicher Anstieg in der Nachfrage zu verzeichnen, der aber vom Handel nicht gedeckt werden kann. Allgemein ist jedoch zu beobachten, dass sowohl im Handel als auch im Auktionsmarkt mehr Fahrzeuge als im vergangenen Jahr angeboten wurden. Der leichte Preisverfall ist auch auf dieses gestiegene Angebot und die längere Verweildauer in den Verkaufsplattformen zurückzuführen. Die kommenden Auktionen im Januar in den USA und die Auktionen im Frühjahr in Paris werden zeigen, ob dieser Trend anhalten wird. Verkaufswillige Besitzer von Classic Cars gibt es angesichts knapper werdenden Budgets auch in diesem Frühjahr mehr als in anderen Jahren. Nur die Verkaufsflächen und Events auf Messen fehlen schmerzlich – und vor allem der Austausch mit Gleichgesinnten.