Vom Goggo-Roller zum BMW Werk

[GTÜ] Karl Dompert (1923-2013) kam 1947 als Konstrukteur zur niederbayrischen „Isaria-Landmaschinenfabrik“ in Dingolfing. Inspiriert von den damaligen Vespa- und Lambretta-Rollern, entwickelte Dompert bei Glas den ersten Goggo-Roller, der 47.000 mal gebaut den Fahrzeugbau bei Glas begründete.

Juniorchef Andreas „Anderl“ Glas hatte Karl Dompert während des Krieges kennengelernt und das große Talent des Heidenheimers schnell erkannt. Für den Senior, den Patriarchen Hans Glas, konstruierte er zuerst eine komplexe Sämaschine, die hinter Pferd und Traktor zugleich funktionierte. 1949 besuchte Anderl Glas eine Ausstellung in Verona und sah dort die ersten Vespa- und Lambretta-Roller, die ihn sofort begeisterten. Heimlich machte sich Karl Dompert daraufhin ans Werk, ein ähnliches Gefährt auf die Räder zu stellen, obwohl der alte Hans Glas keine Fahrzeuge bauen wollte. Noch nicht! 1951 kam der Roller schließlich doch auf den Markt und wurde ein großer Erfolg. Mit Einzylinder-Zweitakt-ILO-Motoren aus Pinneberg von 125 bis 200 ccm war man mit dem „Goggo“ bis zu 90 Kilometer schnell. Obwohl er bis 1957 fast 47.000 mal gebaut wurde, ist er heute eine gesuchte und relativ unbekannte Rarität. Der Name „Goggo“ beruft sich übrigens auf den Kosenamen für Glas-Enkel Georg, der von der Hausgehilfin immer nur „Goggo“ gerufen worden sein soll. Das nebenstehende Bild zeigt zwei Goggo-Roller mit einigen Goggomobilen auf einem Oldtimertreffen im sauerländischen Saalhausen. Seniorchef Hans Glas (1890-1969), so erzählt es eine Anekdote, soll 1952 mit dem Auto vom Oktoberfest in München nach Hause in Dingolfing gefahren sein, als er in einem Sturzregen beobachtete, wie sich die zahlreichen Moped-, Roller- und Motorradfahrer unter Bäume und Brücken flüchteten. Ihm war klar: Geht es mit der Wirtschaft weiter bergauf, dann wird der Ruf laut nach einem kleinen Auto, keine Frage. Das war die Geburtsstunde des Goggomobils, einer kleinen 250ccm-Limousine im Westentaschenformat mit 13,6 PS und Platz für zwei Erwachsene und zwei Kinder. Die Rechnung ging glänzend auf. Mit der Krise des Zweirads begann der Aufstieg des Goggomobils. Es sah aus wie ein richtiges Auto, nicht wie ein Kabinenroller. Und es war mehr als 1000 Mark billiger als der VW Käfer. Fast 285.000 Stück wurden bis 1969 gebaut, davon etwa ein Fünftel als erstaunlich schnittiges Coupé, wie man es im Bild hinter den beiden Rollern sehen kann. Karl Dompert wusste jedoch später zu erzählen, dass der Aufschwung im Land zugleich den Abschwung für Glas bedeutete. Denn auch das Goggomobil wurde schon bald das Opfer von VW Käfer und Co in der deutlich höheren Klasse. Glas versuchte nun mitzuhalten, und Dompert konstruierte immer größere Modelle. Isar 600 und 700, oder auch die 1004, 1204 und 1304 Serien, die im Rennsport für Furore sorgten mit dem weltweit ersten OHC-Serienmotor, der einen Zahnriemen hatte. Selbst der Glas V8, ein 2,6 Liter Grand Tourismo mit 150 PS und einer erstaunlich eleganten Karosserie von Frua konnte nichts mehr am Untergang ändern. BMW übernahm die Dingolfinger 1967. Karl Dompert aber blieb der Chef im Werk, das nun Achsen und dergleichen für BMW fertigte. Anfang der 70er sollte dann ein neues Werk in Landshut entstehen. Da warf Karl Dompert sein Gewicht in den Ring und plädierte für Dingolfing, das viel mehr Fläche auf dem platten Land zu bieten hatte. BMW entschied sich um und baute das neue Werk ebenda. 1973 begann die Produktion. Heute ist es das größte Werk des Konzerns weltweit. 5er, 6er und 7er werden dort gebaut, aber auch das M6 Sportcoupé mit über 500 PS oder auch die Aluminiumkarosse für den aktuellen Rolls-Royce. Für Dingolfing, einst im Armenhaus Niederbayerns gelegen, bedeutet das 21.000 direkte Arbeitsplätze bei BMW sowie 13.000 in der umliegenden Zulieferindustrie. Und diese Erfolgsgeschichte begann eben mit Karl Dompert, der 1951 mit dem Goggo-Roller sein erstes Kraftfahrzeug in Dingolfing konstruiert hat. Text und Foto: Achim Gandras/o-y-app.com

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