Markt- und Preisorientierung für Oldtimer Die aktuelle Diskussion zum Thema Zustandsnoten Teil I

Die aktuelle Diskussion zu den am Markt etablierten Bewertungskriterien nimmt seit geraumer Zeit wieder Fahrt auf, denn das bestehende Benotungs- und Bewertungssystem scheint nicht mehr zeitgemäß zu sein. So hat unter anderem auch der Parlamentskreis im Deutschen Bundestag „Automobiles Kulturgut“ im Frühjahr seinen Bericht der „Arbeitsgruppe Zustandsnoten“ veröffentlicht, die sich seit vergangenem Jahr intensiv um eine Überarbeitung der Bewertungskriterien bemüht hat.

Das grundlegende Problem der Zustandsbewertung liege wohl in der Diskrepanz zwischen dem allgemeinen Wunsch eines klar definierten und leicht verständlichen Systems einerseits und andererseits der Tatsache, dass sich die komplexe und mitunter vielschichtige Historie eines Fahrzeugs nicht ausschließlich anhand eines minimalistischen Bewertungsschlüssels beschreiben lässt, so der Tenor der Arbeitsgruppe und schlägt vor, zu dem aktuell von Note 1 bis 5 verwendeten Bewertungssystem ein Ausrufezeichen als sichtbarer Hinweis einer besonderen historischen Bedeutung anzufügen, um die ermittelte Zustandsnote aufzuwerten. Eine ausführliche Darstellung der Besonderheit des bewerteten Fahrzeugs erfolge dann in einem separaten Teil des Gutachtens, so die Mitglieder des Arbeitskreises in ihrer abschließenden Stellungnahme. Neu ist auch dieser Vorschlag nicht, denn die Diskussion ist so alt wie die Oldtimerszene selbst. Ein Blick in die Historie der Entwicklung dieses Bewertungssystem kann da nicht schaden.

Leitsätze zur Wertermittlung und insbesondere die Kriterien und Methoden bei der Bewertung von historischen Kraftfahrzeugen, wurden bereits in den frühen 1970er Jahren entwickelt. Gemeint waren damals wie heute alle klassischen Kraftfahrzeuge (Automobile, Motorräder und Nutzfahrzeuge), deren Alter bei über 12-15 Jahren liegt und deren Notierungen damit in den gängigen Gebrauchtwagenlisten der DAT (Deutsche Automobil Treuhand) oder Schwacke aktuell nicht mehr gelistet werden. Die Ermittlungsverfahren für klassische Fahrzeuge beginnen also jenseits der Altersgrenze von 15 Jahren, oder wenn ein nicht mehr produziertes Modell in den Fokus und damit auf das Interesse eines Sammlers oder Enthusiasten stößt. Eine der ersten Fragen lautet dann regelmäßig „Was ist dieses Fahrzeug wert?“ und in der Regel werden sehr schnell die sogenannten Marktspiegel in den Ring geworfen, um einen „Marktpreis“ aufzurufen.

Erste Bewertungskriterien und Notensysteme seit 1974

Hier hat zum Beispiel die Firma EurotaxSchwacke mit dem Marktbericht „InterClassic“ ab 1977 einen jährlich in zwei Ausgaben veröffentlichten Marktbericht herausgegeben, der Tausende von Sammlerfahrzeugen listet und zwar aus mehreren Währungsbereichen und nach Baujahr und Zustand differenziert. Jede dieser Ausgaben umfasst also über 800 Seiten mit rund 36.000 Notierungen von mehr als 200 weltweit gängigen Automarken. In diesen „InterClassic“ Marktberichten für Liebhaberfahrzeuge fanden sich denn auch erstmals die bis heute verwendeten Benotungen des Zustands von 1 bis 5. Leider ist dieses Werk nur unter Experten bekannt und hätte im Markt mehr Aufmerksamkeit verdient.

Die Idee, klassische Kraftfahr- und Liebhaberfahrzeuge nach ihrem Pflege- und Erhaltungszustand in fünf Kategorien (Noten) einzuteilen und diesen Kategorien dann Preise zuzuordnen, wurde im Jahre 1974 auf dem Genfer Automobilsalon anläßlich einer Pressekonferenz geboren. Der Schwacke-Führer „InterClassic“ für Liebhaberfahrzeuge kam dann 1977 erstmals auf den Markt. Zur Feststellung der Zustandsnote dient mittlerweile die international anerkannte „Checkliste für Fahrzeugbewertung von Oldtimern“ die entweder in einer Zustandsnote 1-5 oder in die Fahrzeugerhaltungsgruppen der FIVA (3) Gruppe 1 Original bis Gruppe 4 Wiederaufgebaut mündet. 

Wertermittlung ist jedoch mehr als die Feststellung eines Pflege- und Erhaltungszustandes. Sie ist ungleich differenzierter und an einen Kanon objektiver Kriterien, Bestimmungen und Definitionen gebunden. Den Wert eines klassischen Kraftfahrzeuges zu ermitteln ist auch ungleich aufwändiger, als den Wert eines Neu- und Gebrauchtwagens festzustellen. Gebrauchte sind aufgrund ihres jungen Alters oder ihrer „Neuwertigkeit“ nahezu in gleicher Lieferqualität zu haben und differieren „preislich“ meist nur in Sachen Sonderausstattungen. Ein klassisches Kraftfahrzeug hingegen hat nach 30 oder mehr Jahren in der Regel zahlreiche Modifikationen, Restaurierungen, eventuell Umbauten oder Anbauten erfahren, die nicht immer auf verkehrs- und sicherheitstechnische Aspekte zurückzuführen sind, sondern dem jeweiligen Geschmack oder dem Sicherheitsbedürfnis des Besitzers entsprechen. Hier den Zustand festzustellen und anhand objektiver Kriterien und unter Anwendung standardisierter, allgemein anerkannter Verfahren eine objektive Aussage über den Wert einer „Sache“ zu machen, wäre Gegenstand einer fachlichen und sachlichen Diskussion unter den beteiligten Institutionen.

Ein konkreter Preis als Ergebnis eines Interessenausgleichs zwischen Verkäufer und Käufer

Der Anlass diese Diskussion überhaupt neu aufzugreifen ist eigentlich immer der gleiche. Alle paar Jahre kommt die Forderung nach mehr Objektivität, da die im Markt kommunizierten hohen Streuungen bei der Wertermittlung und Wertfestsetzung von Liebhaberfahrzeugen aus dem Ruder zu laufen drohen. Ein Markt, der getrieben wird durch permanent steigende Nachfrage bei gleichbleibendem Angebot, bedarf objektiver Regeln, um einen „allgemein anerkannten“ Interessensausgleich zwischen Nachfrager und Anbieter herzustellen. Das Ergebnis dieses Interessensausgleichs ist der konkrete Preis. Er manifestiert sich beim tatsächlichen Verkauf des Kraftfahrzeuges.

Die Klassiker der Fahrzeugbewertung: Schwacke und DAT

Grundsätzlich ist gegen eine Marktbeobachtung nichts einzuwenden, wenn die Parameter und Messinstrumente stimmen, möglichst umfassend die Stimmung am Markt wiedergeben und die erzielten Preise um Steueraufschläge und Gewinnmargen bereinigt in ein klar definiertes Auswertungsschema fließen. Wie also kommen diese „Marktbeobachter“ zu ihren Werten und was ist davon zu halten? Beginnen wir mit den Klassikern der Fahrzeugbewertung – den Schwacke- und DAT-Listen des Gebrauchtwagenmarktes, die seit den Wirtschaftswunderjahren dem Kraftfahrzeughandel in Deutschland gute Dienste und von allen anerkannte Fahrzeugwerte liefern, jedenfalls bis zu einem Fahrzeugalter von 12 Jahren. Nach diesen 12 Jahren verschwinden die Automobile aus der Liste, bei Motorrädern meist schon nach 10 Jahren. Die Begründung der Wertermittler: nach 12 Jahren erreichen Personenkraftwagen einen Wert, der sich nicht mehr neutral und objektiv ermitteln ließe. Hier helfe nur noch die eigene Marktbeobachtung und alternative Angebotsdurchforstung einschlägiger Fahrzeug-Onlinebörsen oder aber die Erfahrungswerte der für diese Altfahrzeuge qualifizierten Sachverständigen.

Umfangreiche Datensammlungen aus Angebots- und Verkaufspreisen

Der wichtigste Ermittlungsbereich der Marktbeobachtung ist die Sammlung von Angebots- und Verkaufspreisen aus dem bundesdeutschen Fahrzeughandel. Pro Monat werden dabei mehr als 1 Million Preisinformationen erhoben, die aus Online-Fahrzeugbörsen wie mobile.de, autoscout24.de, Börsen der Fahrzeughersteller und aus Anzeigenteilen der Printmedien stammen. Pro Jahr werden also mehr als 12 Millionen Preisinformationen erhoben, von denen aber z.B. nach Angabe von Schwacke nur rund 300.000 reale Verkaufspreise sind. Der Rest sind Angebotspreise, also jene Preise, die von den Verkäufern als Preis oder Verhandlungsbasis aufgerufen werden. Der tatsächlich ausgehandelte Verkaufspreis ist in der Masse also nicht ermittelbar, bzw. die Verkaufspreise werden nach einem Verkauf nicht kommuniziert. 

Der zweite Teilbereich der Marktbeobachtung besteht in regelmäßig stattfindenden Händlerrunden oder aber Händlerbesuchen, bei denen die aktuelle Marktsituation, die regionalen Besonderheiten und die individuelle Preispolitik der Händler abgefragt wird. 

Der dritte Teilbereich besteht aus aktiven telefonischen Umfragen bei allen Händlern, in denen wiederum die aktuell vorliegende Marktsituation, aktuelle Margen und Preisnachlässe erfragt werden. 

Der vierte und letzte Teil der Marktbeobachtung umfasst die Standzeiten von Kraftfahrzeugen bei den Händlern sowie statistische Daten des Kraftfahrtbundesamtes (KBA) zu Neuzulassungen, Besitzumschreibungen und aktuellen Bestandszahlen.

Lesen Sie weiter in Teil II

Marktspiegel von Eurotax, Schwacke und DAT beherrschen den Gebrauchtwagenmarkt, während Kataloge, Fahrzeuglisten und Marktspiegel der Classic Analytics und Classic Data den Markt für klassische Fahrzeuge die älter als 12 Jahre sind dominieren.