W.O. Bentley und der Bentley Boy Sir Henry (Tim) Birkin / Der legendäre Supercharged 4 ½ Liter Blower Bentley

Geboren wurde der Gründer der Automobilmarke Bentley als jüngstes von neun Geschwistern im Jahre 1988. Die Rede ist von Walter Owen Bentley, besser bekannt als W.O. Bentley, der im Alter von 31 Jahren seine ersten eigenen Automobile mit seinem Namen schuf. Das erste Modell, das seinen Namen trug, kam 1919 aus dem Londoner Bentley Werk im Stadtteil Cricklewood. Vom Start weg verfolgte W.O. Bentley mit seinen sportlichen Modellen den Weg einer hohen Motorleistung gepaart mit Luxus. Aus bescheidenen Anfängen entwickelte sich das Unternehmen immer stärker zur begehrten Marke mit Rennsport-Genen. Bentleys wurden für Super-Sport-Enthusiasten gebaut. Zahlreiche Rennsiege in den 1920er Jahren waren der Beweis ihrer Leistungsfähigkeit.

Sir Henry Ralf Stanley „Tim“ Birkin und die Bentley Boys

Stars des eigenen Bentley Rennstalls waren die Bentley Boys, allen voran Sir „Tim“ Birkin und sein Bruder Archie, die ab 1927 insbesondere mit dem Supercharged 4 ½ Liter Blower Bentley die Rennveranstaltungen in England und später in Le Mans dominierten. Zunächst in Brooklands und heimischen Rennpisten unterwegs, holte Sir „Tim“ Birkin auf Anhieb einen 5. Platz im legendären 24-Stunden-Rennen von Le Mans. 1929 gewannen die Bentley Boys auch dieses Rennen in Le Mans, zeitgleich neigten sich jedoch die goldenen Jahre der Marke Bentley dem Ende zu. Nachdem Rolls-Royce 1931 kurz nach der Weltwirtschaftskrise die Marke Bentley übernommen hatte, fuhr Sir Tim Birkin für Bugatti, Alfa Romeo und Maserati in Le Mans weitere Erfolge ein und beendete seine Karriere 1933 mit dem letzten Rennen beim Gran Premio di Tripoli. Bei einem Tankstopp zog sich Sir Birkin so schwere Verbrennungen zu, die nie richtig ausheilten. Am 22.Juni 1933 starb Sir Tim Birkin an einer Blutvergiftung in London.

W.O. Bentley, der gemeinsam mit Sir Tim Birkin den legendären 4 ½ Liter Bentley für Rennen entwickelt hatte, verlor 1931 zwar sein Unternehmen an Rolls Royce, für die die Marke Bentley gut ins Portfolio passte und der alten Lady ein sportliches Image verpasste. Nach der Übernahme durch Rolls Royce wurde die Produktion von Bentley Motors nach Derby verlagert. W.O. Bentley arbeitete noch bis 1935 unter der Flagge von Rolls Royce für sein ehemaliges Unternehmen. Nachdem aber 1935 auch die Rennabteilung von Bentley durch Rolls Royce geschlossen wurde, verlies W.O. Bentley das Unternehmen und ging zu Lagonda. Wenig später war W.O. Bentley auch für Aston Martin tätig. Für beide britischen Marken konnte er mit seinen Entwicklungen weitere Rennerfolge einfahren. Seine letzte Anstellung vor dem Eintritt ins Rentenalter war als Konstrukteur bei Armstrong-Siddeley. W.O. Bentley starb 1971 und wurde 83 Jahre alt.

 

Bentley, die sportlichen Fahrzeuge von Rolls Royce

Die Marke Bentley blieb im Rolls Royce Konzern erhalten, der heute zu Volkswagen gehört. Bentley steht jedoch auch heute für sportliche, schnelle Fahrzeuge und so ist es auch kein Wunder, dass die Marke an die erfolgreichen Modelle der 1920er Jahre und die Bentley Boys mit neuen Kreationen erinnert. Bereits vor dem 100jährigen Jubiläum im Jahre 2019 brachte Bentley 1993 den Bentley Brooklands heraus, der 2007 seine triumphale Rückkehr ins Bentley Programm feierte. Eine Hommage an die goldenen 1920er Jahre, die Kompressor Bentleys und die Bentley Boys. Dreh- und Angelpunkt der Bentley Renngeschichte war der Bentley Blower, der als 4 ½ Liter Supercharged in die Annalen einging.

Dieser imposante „Gebläse“ Bentley gehört zu den Ikonen der Bentley-Geschichte der Vorkriegsjahr, dessen Erfolge für immer mit den „Bentley Boys“ um Sir Henry „Tim“ Birkin verbunden sind. Interessanterweise war es Anfangs das Fahrzeug, gegen dessen Entwicklung sich W.O. Bentley am heftigsten wehrte. Aber Sir Birkin setzte sich durch und brachte so dem Unternehmen Bentley Motors eine Menge Fans nach jedem Rennen ein.

Der 4 ½ Liter Bentley lief wie eine Rakete, war aber am Ende seiner Entwicklung angekommen und die Konkurrenz holte auf. Für W.O. Bentley war die Antwort deshalb einfach: Motorleistung erhöhen. Sein sehr erfolgreicher Bentley 6 ½ Liter Speed Six war das Ergebnis dieser Entwicklung, der 1929 und 1930 in Le Mans gewann. Tim Birkin bevorzugte jedoch die Kompressorvariante, basierend auf dem Vierzylinder 4 ½ Liter. Im Jahr 1929 gab Birkin die Produktion einer Serie von 4 ½ Liter Bentleys in Auftrag, die mit einem Kompressor des unabhängigen Ingenieur Villiers ausgestattet waren. Die Leistung stieg von rund 110 PS auf 175 PS mit Kompressor. Um die Anforderungen der damaligen Rennregeln zu erfüllen, mussten 50 Bentley Blower produziert werden. Die Finanzierung für Birkins „Bentley Boy-Team“ wurde von der wohlhabenden Erbin Dorothy Paget bereitgestellt. Trotz W.O. Bentleys Einspruch wurde das Projekt vom damaligen Bentley Vorsitzenden Woolf Barnato abgesegnet. Barnato und Birkin hatten W.O. Bentley überstimmt.

 

Caracciola gegen Birkin, Mercedes gegen den Bentley Blower

Legendär ist unter anderem das Duell zwischen Mercedes-Benz-Fahrer Rudolf Caracciola und Tim Birkin beim 24-Stunden-Rennen von Le Mans 1930. Für das Rennen setzte Bentley drei Teams auf Bentley Speed Six sowie Birkins unabhängiges Team von 4 ½ Liter Bentleys mit Kompressor ein. Birkin und Caracciola lieferten sich von Anfang an ein Kopf an Kopf Rennen, in dessen Verlauf Birkin den SSK Mercedes mit zwei Rädern auf dem Rasen überholte, aber keines der Autos bewältigte die Distanz des 24-Stunden-Rennens, das Gled Kidston in einem Bentley Speed Six gewann. Der Bentley Blower scheiterte schließlich im Langstreckenrennen, aber 1930 kam die große Stunde für Birkins Bentley 4 ½ Liter Kompressor beim Großen Preis von Frankreich in Pau. Mit über 2 Tonnen Startgewicht schob sich Birkin mit dem Bentley Blower an einem Feld GP-Bugattis vorbei auf einen 2. Platz. 1932 konnte Birkin auf einem 240 PS starken Bentley Blower in Brooklands einen Rundenrekord einfahren und festigte so den legendären Ruf dieser imposanten Bentley 4 ½ Liter Supercharged Fahrzeuge. Sir Tim Birkin und seine Bentley Boys sind legendäre Meilensteine der Bentley Historie. Die in weiße Overalls gekleideten Fahrer und ihre bulligen Kompressor-Boliden in Britisch Racing Green faszinieren noch heute die Menschen bei historischen Rennveranstaltungen.

 

Bentley 4 ½ Litre Blower Continuation Serie

Zum Ende das 100jährigen Jubiläum, gab Bentley 2020 bekannt, 12 Exemplare des "Blower" in einer Continuation Serie wieder aufleben zu lassen. Nach den historischen Spezifikationen und an den damaligen Fertigungsprozessen orientiert, sollen in Crewe die Fahrzeuge neu aufgebaut werden. Das erste Exemplar, ein Bentley Blower Car Zero genannt, wurde im Dezember 2020 präsentiert.

Das Original der 1920er Jahre, der 4 ½ Liter Kompressor Serienwagen basierte auf einem 4,5 Liter Standardmodell, das aus einem Pressstahl-Leiterrahmen mit vier Traversen und angenieteten Verstrebungen bestand. Das Chassis wog ohne Karosserie 1.448 kg und 1.727 kg mit offenem, 1.956 kg mit geschlossenem Aufbau. Die Einhaltung der Gewichtsvorgaben waren Bedingung für die Gewährung der Fünfjahres-Garantie. Die Bremsen waren mechanisch betätigte Vierradbremsen, deren Trommeln 400 mm Durchmesser hatten. Die Vorderachse war eine Starrachse im H-Profil, wobei einige Ausführungen mit Aufnehmern für Wagenheber gebaut wurden. Die Hinterachse bestand aus einer geschweißten Starrachse aus Pressstahl, Underslung-Bauart, Untersetzung 13/46 (3,54 : 1) in der Bauart Speed Six Four-Star.

Die Aufhängung bestand aus Halbelliptik-Blattfedern, vorn Woodhead-, hinten Berry-Federn mit Reibungsdämpfern. Als Kupplung wurde eine Einscheiben-Trockenkupplung verbaut und der Antrieb zur Hinterachse war eine Kardanwelle von Spicer. Räder und Reifen waren Rudge-Whitworth Drahtspeichenräder mit Zentralverschluss und Dunlop 6.00 x 21 Bereifung. Der Motor ein Vierzylinder, dessen Kurbel- und Nockenwelle in je fünf Weißmetall-Lagern mit vier Ventilen pro Zylinder gelagert wurden. Die von W.O. Bentley entwickelten Alukolben ergaben einem Hubraum von 4.398 ccm. Die Aufladung erfolgte durch einen Amherst Villiers Kompressor Mk IV, Modell Roots mit drei Überdruck-Rückschlagventilen.