100 Jahre AVUS: ein unsichtbarer Rennparcours in Berlin - Gebaut als Verkehrs- und Übungsstraße für alle Motorisierten

Am 24. September 2021 wurde die Automobil-, Verkehrs- und Übungsstraße, besser unter dem Namen AVUS bekannt, 100 Jahre alt. Die heutige Autobahn A115 war einst das Vorzeigeobjekt des modernen Straßenbaus und bot 77 Jahre als AVUS Berlin den Zuschauern Motorsport-Veranstaltungen auf internationalem Niveau. Automobilmarken wie Mercedes-Benz, Bugatti, Ferrari und Porsche errangen auf der AVUS zahlreiche Siege. Die Rennen der Silberpfeile, die noch die steile Nordkurve der AVUS nutzen konnten, sind legendär. Ende der 1990er Jahre fiel dann der letzte Startschuss auf der AVUS. Heute ist nach einem Teilrückbau und Umbau die AVUS ein Teilstück der Autobahn A115 die direkt in den Berliner Grunewald führt. An die glorreichen Zeiten der AVUS erinnern heute nur noch Fragmente der Tribüne, der sogenannte Mercedes-Turm und die Sondermarke der Deutschen Bundespost zum 100jährigem Jubiläum der legendären Rennstrecke. Bereits 1999 war klar, dass die AVUS nur noch in der Erinnerung weiterleben wird, als der Spielzeughersteller Carrera eine seiner letzten Modelle des Berliner Rennparcours auflegte und dieser Spielzeugrennbahn den Namen AVUS gab. Die Avus Rennstrecken der Marke Carrera sind durch den bayerischen Spielzeughersteller der Blechspielwarenfabrik JNF (Josef Neuhierl Fürth) in Fürth auf den Markt gekommen und werden seit 1963 als spurgebundene Autorennbahnen angeboten.

Berliner Erinnerungskultur in Sachen AVUS?

In Berlin selbst bekommt der Besucher fast gar nichts mit von diesem Jubiläum. Außer der Briefmarke hat die Stadt weder Exponate noch Ausstellungen im Programm, die dieses Jubiläum würdigen. Dies spiegelt sich auch bei der Suche nach Spuren der einstigen Rennstrecke wider, denn dazu muss man schon Archäologen bemühen, um die Reste der nie zu Ende gebauten Südkehre in der Nähe des Wannsees aufzuspüren oder den Verlauf der einstigen Steilkurve zu erahnen. Nur die frühere Tribüne der AVUS ist noch gut sichtbar und das Motel AVUS, in dessen Räumen einst die Rennleitung untergebracht war. Heute verbringen hier am stark befahrenen Autobahnkreuz parkende Lkws die Nacht und hauchen dem ansonsten trostlosen Ort etwas Leben ein. Vom Jubiläum ist an diesem geschichtsträchtigen Ort nichts zu spüren. Selbst die Bronze Statuen der einstigen Motorrad-Rennlegenden und Erzrivalen Ernst Henne und Ewald Kluge stehen verloren zwischen Kongresszentrum ICC und Autobahnzubringer herum. Ganz anders die Eröffnung der AVUS vor 100 Jahren: ein riesiges Spektakel für die Berliner. Deutschlands erste Automobil-Verkehrs- und Übungsstraße war ein Publikumsmagnet. 1921 läutete die AVUS in Berlin die Mobilitätswende des 20. Jahrhunderts ein, in der das Automobil dominant seinen Platz zwischen Pferdegespannen und Fußgängern beanspruchte. Acht Kilometer zwischen Halensee und Nikolassee standen des Sportbegeisterten zur Verfügung, um den ersten Automobil- und Motorradrennen zu bejubeln.

 

Jubiläumsfeiern in Einbeck und Bildband zur Geschichte der AVUS

Nachzulesen ist die Geschichte der Rennstrecke in einem prächtigen Bildband, den der Kfz-Mechaniker und Auto-Journalist Ulf Schulz zum Jubiläum publizierte. Gefeiert wird das Jubiläum übrigens im rund 300 Kilometer entfernten Einbeck. Die einzige Ausstellung zur Geschichte der AVUS ist im Automuseum PS.Speicher zu sehen. 18 Rennfahrzeuge erinnern im PS.Speicher an die glorreichen Zeiten der AVUS. Darunter der Mercedes-Silberpfeil von Juan Manuel Fangio, der 1955 die Formel-1-Weltmeisterschaft gewann. Weitere Exponate bestehen aus Fahrzeugen der Deutschen Tourenmeisterschaften, die von Opel und BMW beigesteuert wurden. Auf Motorräder, die unter dem Motto „AVUS 100 – ein rasantes Jahrzehnt“ ausgestellt werden erinnern an die Rennveranstaltungen der Berliner Rennstrecke. Geschichtsträchtig auch ein Borgward aus dem Jahre 1951, der auf der AVUS seine Rennen bestritt. Die Exponate der Jubiläumsausstellung stammen zum Großteil von Privatpersonen oder aus Beständen der Fahrzeughersteller und werden in dieser Konstellation wohl nicht mehr zu sehen sein. Aber zurück zur AVUS.

 

Muster und Vorläufer der ersten Autostraßen

Die AVUS, mit vollem Namen Automobil-, Verkehrs- und Übungsstraße war die erste reine Autostraße und gilt als Vorläufer der Autobahnen. Bis 1940 wurde die Straße ausschließlich als Renn- und Teststrecke genutzt. Dabei wurde die Strecke an Renntagen gesperrt, war aber ansonsten eine öffentliche Straße. Die Rennstrecke bestand eigentlich aus zwei geraden Teilabschnitten und zwei Kurven. Eine enge Kehre im Süden und eine gepflasterte Steilkurve mit einer Schräge von rund 44 Grad im Norden der AVUS. Die Steilkurve war gefürchtet und ein Garant für spektakuläre Rennsituationen. Als die Formel 1 im Jahr 1959 das erste und einzige Mal auf der AVUS gastierte, verunglückte der französische Rennfahrer Jean Behra einen Tag vor dem WM-Lauf auf nasser Fahrbahn tödlich. Die gepflasterte Steilkurve wurde deshalb 1967 vollständig abgetragen. Einer der Pflastersteine ist in der Sonderausstellung im PS.Speicher in Einbeck zu sehen. Inzwischen ist die ehemalige Rennstrecke ein Autobahnteilstück der A115 und somit eine öffentliche Straße, auf der seit über 25 Jahren keine Rennveranstaltungen mehr stattfanden. In den Anfangsjahren der AVUS wurde die Test- und Rennstrecke für den Verkehr freigegeben und bis zu ihrem Ende war es die einzige Strecke in Berlin ohne Tempolimit. Wer die Straße in den Anfangsjahren nutzen wollte, musste 10 Mark bezahlen. Eine hohe Summe in den 1920er Jahren, die aber dafür sorgte, dass die AVUS vor allem als Rennstrecke für Automobile und Motorräder genutzt werden konnte.

Die Vergangenheit unterm Funkturm soll im Rahmen von Feierlichkeiten zum 100-jährigen Geburtstag umfänglich, kritisch und unterhaltsam gewürdigt werden. Das Projekt „AVUS100“ soll den runden Geburtstag der Rennstrecke mit der Öffentlichkeit feiern und gemeinsam an die vielen Geschichten erinnern, die hier geschrieben wurden. Angedacht sind verschiedene Event-Konzepte. Ein Motorsport-Festival, museale Retrospektiven und Veranstaltungen mit kulturellem Charakter.