Extravagante Porsche Ikonen dank US-Geburtshelfern Max Hoffmans und Johnny von Neumanns "America Roadster"

Max Hoffman, US-Importeur und der Westcoast-Porsche-Händler Johnny von Neumann waren nach Kriegsende zwei Schwergewichte im amerikanischen Sportwagenmarkt, denen die Hersteller nicht so leicht eine Bitte abschlagen konnten. Im Grunde genommen waren die beiden aber Geburtshelfer für Sportwagen, die von den weniger mutigen Herstellern ansonsten nicht gebaut worden wären. Erinnert sei hier an den BMW 507 oder den Mercedes-Benz 300 SL, um nur einige Modelle zu nennen, die von Hoffman und von Neumann angeregt wurden. Kaum hatte Porsche Ende 1948 in Deutschland den Karosseriebauer Reutter mit der Produktion von 500 Karosserien beauftragt, die dann ab dem Frühjahr 1950 im Porsche Werk Stuttgart-Zuffenhausen in Produktion gingen, standen die Amerikaner auf der Matte und präsentierten ihre Idee eines sportlichen Wettbewerbswagen.

356/4 oder Projektnummer Typ 540

Die Amerikaner wünschten sich einen sportlichen Roadster für Wettbewerbszwecke, der aus Aluminium gefertigt wesentlich leichter war als das Serien 356 Cabriolet. Entsprechende Vorläufer aus Aluminium hatte Porsche bereits in der ersten Gmünd-Serie in Österreich auf die Räder gestellt. Ferry Porsche wollte diesen America Roadster eigentlich nicht, gab dann aber doch dem Drängen von Max Hoffman nach und machte sich auf die Suche nach einem geeigneten Karosseriebauer, der die Wünsche der US-Importeure und Porsche-Händler der Westküste umsetzen konnte. Die Wahl fiel auf die Firma Glaser-Heuer in Ullersricht bei Weiden, die als Gläserkarosserie GmbH von Dresden in den Westen umsiedelte und ab 1950 mit der 356 Cabrio-Produktionsserie für Porsche einen Neubeginn im hochwertigen Segment wagte. Während die Porsche Cabriolets das Logo „Gläser Karosserie Weiden“ trugen, bekamen die US-Roadster das Logo ohne den Umlaut „ä“ als Glaser Karosserie. Dieser zunächst als Porsche 356 America Roadster gebaute Sportwagen findet sich in keinem offiziellen Porsche Werksverzeichnis, gilt aber als Vorläufer des später gebauten offiziellen Porsche 356 Speedster, der dann auch die offizielle Typenbezeichnung 540 bekam. Der America Roadster existierte nur als Auftragsarbeit und wurde vom Porsche Designer Erwin Komenda aufs Papier gebracht. 

 

Sportliche Erfolge als Competition Roadster

Der spartanisch ausgestattete Vorläufer des 356 Speedster hatte jedoch eine kurze Lebensdauer und kam insgesamt auf nur 16 gebaute Exemplare. Die Fahrzeuge wurden bei Gläser-Heuer in der Oberpfalz ausschließlich für den amerikanischen Export gebaut und bei Porsche nie katalogisiert. Gläser-Heuer baute den extrem zeit- und arbeitsintensiven America Roadster mit 15 Aluminiumkarosserien und einer Stahlkarosserie. Bis auf ein Exemplar, das bei Porsche blieb, gingen alle in die USA und waren mit dem 70 PS starken 1500-ccm Motor von Porsche ausgestattet. Der fertige America Roadster wog rund 60 Kilogramm weniger als das Coupe und erreichte eine Höchstgeschwindigkeit von 175 km/h.

Anfangs startete der America Roadster, der an seiner geschwungenen Seitenlinie im Türbereich identifiziert werden kann, als „Competition Roadster“ in den USA sehr erfolgreich unter anderem bei den Pebble Beach Races. Das Idealgewicht von 605 Kilogramm erreichte die Glaser Karosserie durch tief ausgeschnittene Türen, aufsteckbaren Seitenscheiben und einem Notverdeck. Die Türen waren zudem hohl und Porsche spendierte Schalensitze aus Leichtmetall, lieferte eine geteilte Windschutzscheibe oder eine austauschbare Kunststoff-Rennwindschutzscheibe, das Segeltuchverdeck, Scheinwerfer-Steinschutzbleche und Lederhaubengurte. Nach insgesamt 16 gebauten Exemplaren war Schluss, denn die Gläser Karosserie GmbH hatte sich auch wegen des Porsche 356 Cabriolet-Auftrages übernommen. Das einst weltberühmte Unternehmen Gläser Karosserie Dresden war nach nur zwei Jahre Tätigkeit bereits am Ende und musste wegen dem schlecht kalkulierten Porsche-Auftrag Konkurs anmelden.

 

Nach 237 Cabrios gingen in Ullersricht die Lichter aus

Emil Heuers Sohn Erich, startete nach dem Krieg im Westen zunächst als „Oberpfälzer Metallwaren-Fabrik“ mit rund 50 Beschäftigten, von denen knapp 30 Mitarbeiter aus der ehemaligen Gläserkarosserie GmbH den Umzug in den Westen mitmachten. Nachdem Porsche zunächst wegen der 356 Cabriolet-Produktion bei Beutler im Schweizer Kanton Bern angefragt hatten und dort wegen begrenzter Kapazitäten eine Absage erhielten, wandte sich Porsche an Gläser Karosserie in der Oberpfalz. Dorthin hatte Erich Heuer die Maschinen des Dresdner Traditionsunternehmens geschafft, um dem drohenden Zusammenschluss mit der IFA-Vereinigung Volkseigener Fahrzeugwerke zu entgehen. Zeitgleich untersagten die Heuer-Erben den IFA-Fahrzeugbauern die Nutzung des Namens Gläser Karosserie. Die Hoffnungen ruhten also auf dem Porsche Auftrag, der dann auch kam. Gläser-Geschäftsführer Erich Heuer hatte sich jedoch verrechnet. Die Mitarbeiter brauchten länger, um ein Porsche 356 Cabriolet zu bauen, als kalkuliert. Insgesamt 630 Stunden steckten in einem Fahrzeug! Nach 237 Cabriolets vom Typ 356 und 16 America Roadster gingen Ende 1952 bei Gläser die Lichter aus.

Trotzdem standen die Gläser-Heuer Cabriolets wegen ihrer qualitativ hochwertigen Verarbeitung beim Kunden hoch im Kurs. Teuer aber sehr gut. Der Porsche America Roadster kostete laut Max Hoffman so viel wie drei Chevrolets und das Porsche 356 Cabriolet hatte den stolzen Preis von 12.000 Mark und war damit doppelt so teuer wie ein Volkswagen. Was also 1951 für Gläser-Heuer in der neuen Heimat so hoffnungsvoll begann, war nach zwei Jahren nur noch Geschichte. In dieser Zeit entstanden in Ullersricht 237 Fahrzeuge des Typs 356 Cabriolets sowie 17 Fahrzeuge des Typs 540.

 

Gläser-Heuer Cabriolets von Porsche sind gesuchte Juwelen

Gläser Karosserien genossen bereits lange vor dem Umzug nach Westdeutschland einen ausgezeichneten Ruf. Das in Dresden beheimatete Unternehmen war 1864 von Carl Heinrich Gläser als Gläser Karosserie GmbH gegründet worden. Das Unternehmen war nicht nur beim Bau von Kutschen und Pferdeschlitten sehr erfolgreich, sondern schaffte auch den Übergang in das Automobilzeitalter. Im Februar 1945 wurde das Firmengelände in Dresden größtenteils zerstört. Im Osten entstand nach Kriegsende das VEB Karosseriewerk Dresden (KWD) als Nachfolgebetrieb. Erich Heuer, der Enkel des Firmengründers, zog mit den Maschinen, die den Luftangriff unbeschadet überstanden hatten, in die Oberpfalz. Die Zusammenarbeit mit Porsche gilt als legendär, denn die extravaganten Fahrzeuge sind heute hochpreisige Sammlerstücke. Legendär ist unter anderem das Porsche 356 Cabriolet für die Opernsängerin Maria Reining aus Wien, die ihren 356 nicht nur mit speziellen Sitzen und einem Veloursteppich, sondern auch mit einem Plattenspieler statt des exklusiven Radios ausstatten lies. Doch während bei Porsche die Nachfrage kontinuierlich stieg, brachte die Kooperation für Erich Heuer und seine Gläser Karosserie GmbH das Aus.

Geblieben sind von dieser Zusammenarbeit rund 20 Porsche 356 Cabriolet von Heuer und die Kleinserie der America Roadster, die als Vorläufer des Porsche 356 Speedster gelten. Auch dieser offiziell im Porsche Katalog gelistete Speedster war ein Auftrag von US-Importeur Max Hoffmann.