Carrozzeria Ghia, Karmann-Ghia und das große Fragezeichen

Die Carrozzeria Ghia wird dieses Jahr 100 Jahre alt, gegründet 1921 von Giacinto Ghia in Turin. Wir nehmen das Jubiläum zum Anlass, zu erzählen, wie es zum Karmann-Ghia kam und zeigen mit den Bildern nochmals auf, wie atemberaubend schön dieser auf einem Käfer basierende Cabriolet ist.

Unser Fotomodell lernten wir bei einem GTÜ-Classic-Partner bei Stuttgart kennen. Die Story, wie der heutige Besitzer zu dem Karmann-Ghia kam, könnte in einem Drehbuch nicht besser beschrieben sein. Auslöser war eben das besondere, dieses kleine Erlebnis, welches sich unauslöschlich einprägt. Der Kaufmann war nämlich vor zehn Jahren im USA-Urlaub mit seinen Kindern. Diese waren noch im Teenageralter und alles musste „cool sein“. Während der Fahrt entlang der endlos wirkenden Strände, oberhalb von Los Angeles in Richtung Malibu, fuhr ein schwarzes Karmann-Ghia Cabriolet. Das war schon für sich ein absoluter Blickfang, da auch in den USA Oldtimer längst nicht mehr zum Straßenbild gehörten. Über das geöffnete Verdeck ragte ein Surfbrett. Als der Fahrer abbog, war das Klischee perfekt. Ein braungebrannter Surfer-Typ mit blonden Locken saß am Steuer und steuerte diesen Traumwagen der fünfziger und sechziger Jahre direkt zum Strand. In der Ferne tosten die Wellen des Ozeans von Kalifornien. Zugegebenermaßen waren nicht nur die Kinder begeistert.

Gegen diese Art Erinnerungen, welche sich in den Folgejahren immer wieder in den Vordergrund schieben, ist man dann machtlos. Karmann-Ghia Cabriolets standen plötzlich alle im Focus, doch die Ernüchterung bei genauerer Betrachtung war immer wieder groß. Keines der angebotenen Fahrzeuge verkörperte auch nur annähernd dieses mit allen Sinnen wahrgenommene Erlebnis in Kalifornien. Die meisten waren irgendwo im Osten Europas „todrestauriert“ worden, mit falschen Materialien. Dann aber war der heutige Besitzer in die private Sammlung eines etablierten Porsche-Händlers eingeladen. Und dort standen keinesfalls nur die Sportwagen aus Zuffenhausen. Vielmehr lugte aus der zweiten Reihe ein schwarzes Karmann- Ghia Cabriolet mit dem kalifornischen Kennzeichen JGP 182 hervor – und der Vater der beiden längst erwachsenen Kinder hörte sofort dieses unverkennbare Rauschen der Atlantik-Wellen und der blonde Surfer-Typ war wieder gestochen scharf gegenwärtig, wie er am vollkommen abgegriffenen weiße Bakelit-Lenkrad drehte, um in Richtung Atlantik abzubiegen. Ja, dieser Wagen hatte diesen gewissen Zauber, den er jahrelang gesucht hatte. Es war sofort eine innige Beziehung da, die Begehrlichkeit war groß. Der Funke war übergesprungen. Nun musste nur noch der Besitzer zum Verkauf überredet werden. Und das war ein langer Weg, bis es glückte.

 

Der abgebildete Karmann-Ghia wurde am 23. Oktober 1959 in Osnabrück in der Farbkombination L 41 schwarz, der Polsterung in M 555 „Kunstleder echtrot“ und schwarzem Verdeck gebaut und nach Los Angeles ausgeliefert. Ungefähr 40 Prozent aller Karman-Ghia gingen damals übrigens in die USA.

Die Produktion des Cabriolets begann am 1. August 1957, die Präsentation erfolgte wenige Wochen später im September auf der IAA in Frankfurt. Die offene Version war bis zur Gürtellinie mit dem Coupé optisch identisch. Die für ein Cabriolet notwendigen zusätzlichen Verstrebungen wurden im Bereich der Schweller „versteckt“. Im August 1959 wurde für das Modelljahr 1960 das Design verändert. Die beiden vorderen Kotflügel waren nicht mehr so stark gerundet und die Scheinwerfer wanderten um 50 Millimeter nach oben. Signifikanteste Änderung waren aber die als „Nasenlöcher“ bezeichneten Lufteinlässe. Sie wurden größer und hatten drei statt zwei Zierstäbe. Das Heck bekam größere Blinker.

Der 1,2 Liter-Motor mobilisierte 30 PS, fühlt sich aber wesentlich agiler an, als man vermuten könnte. Ein späterer Besitzer gab dem Karman eine Speedster-Anmutung, in dem er den Fahrersitz eines Porsche Speedster montierte und die vordere Stoßstange entfernte.

 

Der GTÜ-Prüfingenieur schaute sich den Wagen etwas genauer an. In jedem Detail wurde auf Substanzerhalt geachtet. Das Fahrzeug präsentiert sich ungeschweißt und es wurde mühevoll der Flugrost am Unterboden entfernt und alles konserviert. Die Jahrzehnte alte Lackierung wurde nur aufpoliert und trägt heute mit Würde seine Spuren. Die Chromteile behielten die Narben der Zeit. Selbst die Frontscheibe ist noch original, gestrahlt durch die sandhaltige Meeresluft von Kalifornien. Die Innenausstattung ist praktisch unberührt. Die Stahlfelge haben die korrekten Stempel „VW“, „4 Jx15“ und „6/59“.

 

In welchem Zusammenhang aber stehen die Karman-Ghia-Fahrzeuge mit der italienischen Carrozzeria Ghia? 

Wilhelm Karmann, Sohn des gleichnamigen und bereits 1952 verstorbenen Firmengründers, setzte die Pläne seines Vaters um; nämlich ein sportliches Cabriolet auf Basis des Käfers zu bauen. Er war ein steiniger Weg. Der damals allmächtige VW-Chef Heinz Nordhoff schmetterte die Pläne ab, da der VW Käfer außerordentlich erfolgreich war und somit die Produktionsanlagen ausgelastet waren. Doch dann lernte Karmann Luigi Segre kennen und weihte ihn in seine Überlegungen ein. Nur etwa fünf Monate später überraschte der Geschäftsführer der Carrozzeria Ghia mit einem traumhaft schönen Prototypen. Der erfahrene Mario Boano (beispielsweise Alfa Romeo 6C 2500S) wurde beauftragt, die Machbarkeit der Projektes zu untersuchen. Er wurde von seinem Sohn Gian Paolo und dem Designer Sergio Coggiola unterstützt. Und nun kommt das große Fragezeichen. Gänzlich unbekannt bleibt bis heute, wie und von wem genau der Karmann-Ghia sein endgültiges Design erhielt.

 

Bei der Classic-Gala in Schwetzingen vom 3. bis 5. September 2021 wir das Sonderthema „100 Jahre Ghia“ aufgegriffen, mit zahlreichen Exponaten. Dabei wird natürlich der Karmann-Ghia eine große Rolle spielen. Nähere Informationen unter www.classic-gala.de.