Jim Kellison: Supersportwagen mit Kultstatus / 60 Jahre Kellison J V8 Coupes eines Ex-Piloten

Pete Petersen, Herausgeber des amerikanischen Sportscar Graphic Magazins, berichtet 1960 in seiner Juni-Ausgabe der Motortrends über ein außergewöhnliches Sportcoupe, das von einem ehemaligen Piloten der US-Air-Force, dem damals 30-jährigen James Frank Kellison (Jim) entwickelt und später in Serie gebaut wurde. Ein Jahr zuvor war der Werbeleiter von Petersen Publishing mit einem Kellison J4 Coupe nach Bonneville gefahren und hatte dort den Geschwindigkeitsweltrekord für geschlossene Coupe-Fahrzeuge aufgestellt. Das auf der Titelseite der Sportscar Graphic abgebildete J4 Coupe mit der Nummer 905 war Jim Kellisons persönliches J4 Class „C“ Racing Coupe. Die 905 war die Hausnummer seiner Werkstatt in Folsom, Kalifornien, in der unter der Firmierung Kellison Car Manufacturing Co. von 1959 bis 1964 die J-Coupes in Serie hergestellt wurden.

Schnellster im legendären Mountain Hill Climb Rennen

Das Titelbild der Juni-Ausgabe entstand am Tag vor dem letzten Saisonrennen 1969 auf dem alten California Riverside Raceway. Jim Kellison fuhr in diesem Rennen mit dem 905er zwar die drittschnellste Zeit im Qualifying, schied aber wegen einer gebrochenen Getriebe-Schaltstange aus. Eine Woche später war der Wagen wieder flott und Kellison knackte beim berühmten kalifornischen Mountain Hill Climb Rennen nicht nur den Rundenrekord, sondern belegte mit seinem J4 Class C Rennwagen den 1. Platz. Wenn man das Fahrzeug heute im Jahre 2021 betrachtet und die sanft fließenden aerodynamischen Linien des Sportwagens genauer unter die Lupe nimmt, wird klar, weshalb viele Sportwagen-Hersteller dieses bereits 1953 von Kellison entworfene Design kopiert haben. Kellison, 1953 noch bei der Air-Force, hatte mit dem Modell J ein aerodynamisches Aussehen entworfen, das heute immer noch zeitlos und modern wirkt. Doch die Form hatte ihren Grund.

Das geduckte Aussehen hatte seine Ursachen in verschiedenen Konstruktionsansätzen. Eines der Hauptmerkmale war der hinter der Vorderachse gelagerte V8-Motor, der den Schwerpunkt des Fahrzeugs auf die Hinterachse verschob. Hinzu kam ein 40-Gallonen-Kraftstofftank im Heck, der es Kellison erlaubte, jedes Rennen ohne lästige Tankstopps zu bestreiten. Straßenrennen in den USA dauerten Ende der 1950er Jahre nahezu eine Stunde. Ein Tankstopp sollte also vermieden werden, wenn man das Ziel erreichen und das Rennen gewinnen wollte.

 

Leichte aerodynamische Karosserie und Chevy-Racing-Motor

Weitere Designmerkmale der niedrigen Silhouette sind die geneigte Windschutzscheibe, deren Rahmen äußerst schmal gehalten ist und die in Verbindung mit der großen Heckscheibe eine gute Rundumsicht garantierte. Nahezu alle Coupes der J-Serie (J4, J5) verwendeten eine aus dem 1952er Studebaker verbaute Windschutzscheibe und das große Heckfenster eines 1949er Buick. Allein diese Bauteile sind ein Beleg für die bereits 1953 entworfene moderne Form der Kellison J-Serien. Gut sichtbar anhand der Haubenhutze ist auch die Lage des Motors, der weit hinter der Vorderachse verbaut, zusammen mit dem Tank diese zum Heck hin verlagerte Gewichtsverteilung bewirkte. Die schwerpunktnahe Gewichtsverteilung ermöglichte zudem sehr schnelle Kurvenfahrten und bot hervorragende Fahreigenschaften. Das J-Coupe hatte zudem ein Chevrolet-Positraction-Heck und eine von Kellison entworfene vordere Einzelradaufhängung. Herzstück des Kellison J-Coupes für Straßenrennen war ein 1957 Corvette-Motor mit Benzineinspritzung, der wahlweise 375 PS bei 4.200 Umdrehungen/ min. oder 420 PS bei 6.500 Umdrehungen/ min. leistete. Kellisons J4 mit der Startnummer 905 hatte einen Chevy-Rennmotor mit 400 PS Leistung unter der Haube. Die Rennmotoren ermöglichten somit Geschwindigkeiten bis zu 170 Meilen pro Stunde (270 km/h). Die Straßenversionen in Form und Ausstattung nahezu gleich wie die Rennversion, besaßen hingegen den normalen Chevrolet V8 Motor.

 

Serienproduktion bis 1970, danach nur noch Replikas

Kellison konnte aufgrund der Rennerfolge für die J-Coupes als Kleinserien-Hersteller beachtliche Stückzahlen vorweisen. Während die J1 bis J3 Serie gerade mal 30-40 Exemplare im Zeitraum 1957 bis 1959 aufweisen, sind vom J4 und J5 Coupe jeweils 350-400 Exemplare hergestellt worden. Die höchste Stückzahl erreichte der J6 Panther, von dem über 500 Exemplare gebaut wurden. Unter dem Markennamen Kellison präsentierte Jim Kellison 1957 das erste J-Coupe, dass dann stark modifiziert und verbessert mit dem J4 sowohl in der Straßen- als auch in der Rennvision zu haben war. J4 und J5 waren seine bekanntesten Modelle. Kellisons letzte Neugestaltung der J-Serie war der J6 Panther. Dieses Modell wurde bis Ende der 1960er-Jahre angeboten und war direkt auf einem Corvette-Chassis aufgebaut. 1970 kam dann das vorläufige Ende der Kellison Car Manufacturing Co., die dann nach der Neugründung in der Mitte der 1970er-Jahre nur noch Buggies, Spezialfahrzeugen, Bausätze, Teile und Zubehör lieferte, die Kellison unter dem Firmennamen Red Stallion vermarktete. James Frank (Jim) Kellison starb am 23. September 2004 im Alter von 72 Jahren an einem Krebsleiden. Er hatte der Nachwelt einen Supersportwagen hinterlassen, der nach 60 Jahren immer noch frisch und modern vorbei donnert. Trotzdem gerieten die Kellison J-Coupes in Vergessenheit, bis eines der Rennfahrzeuge 2018 auf der Bonhams Amelia Island Auktion als Lot 180 angeboten wurde. Niemand hatte zu diesem Zeitpunkt die Marke Kellison auf dem Einkaufszettel.

 

Eine Ikone des Sportwagenbaus zum Schnäppchenpreis

Der bei Bonhams angebotene Kellison J-4R ist eine auf Kundenwunsch von Kellison selbst modifizierte Rennversion, die der Erstbesitzer 1985 an den bekannten Rennfahrer Rich Taylor verkaufte. Das Kellison J-4R Coupe war mit einem 406 Kubikzoll V8 (6.7 Liter) und einem 750 CFM „Double Pumper“ Holley-Vergaser ausgestattet, der 496 PS auf die Straße brachte. Gespannt beobachtete die Fachwelt die Bonhams Auktion auf der Amelia Island, da das Auktionshaus den Kellison J-4R für einen Schätzwert zwischen 35.000 bis 55.000 USD anbot. Ein Schnäppchenpreis, wenn man die Historie berücksichtigt und den Umstand, dass von diesen Kellison J-Coupes die wenigsten überlebt haben. Gerade mal 56 % der aufgerufenen Preisvorstellung wurden bei der Auktion erfüllt und der Super-High-Speed-Wagen ging für knappe 25.000 US-Dollar Höchstgebot (Hammerpreis) an den neuen Besitzer. Rechnet man die Aufschläge und Gebühren von Bonhams hinzu, wurde dieser amerikanischer Super-Sportwagen und Zeitzeuge für schlappe 22.800 EUR an den neuen Besitzer übergeben.