Die schnellste Feuerwehr der Welt

GTÜ-Classic stellt ihnen zukünftig in den Newslettern auch Fahrzeuge mit besonderer Geschichte vor. Den Anfang macht jener 914/6, mit dem die ONS (Oberste Nationale Sportkommission) -Staffel die Feuertaufe erlebte, und zwar im eigentlichen Sinn des Wortes. Wir haben dafür auch zwei aktuelle Anlässe: Erstens wurde ONS-Staffel-Gründer Herbert Linge am 11. Juni 2021 stolze 93 Jahre alt und zweitens feierte eine Fangemeinde den 40. Todestag von Herbert Müller am 24. Mai 2021. Der Schweizer Rennfahrer war es, der im September 1972 auf dem Nürburgring aus seinem in Flammen stehenden Ferrari 512 entkommen konnte. Es war der erste offizielle Einsatz des ONS-914/6.

Doch nun der Reihe nach. Nach der Produktion traf unser Fotofahrzeug am 27. November 1970 in der Porsche-Versuchsabteilung ein. Mit der internen Bezeichnung 914/57 wurde der Sportwagen für die Rallye Monte-Carlo im Januar 1971 vorbereitet. Fahrer war Ake Andersson. Er blieb erfolglos. Der 914er mit seinem durch den Mittelmotor „neutralen“ Fahrverhalten ließ sich auf Schnee und Eis schlecht dirigieren. Gegen die agilen, kurvenfreudigen Renault-Alpines waren die Porsche chancenlos. Somit waren auch keine weiteren Rallye-Einsätze mit dem Fahrzeug geplant und der 914 wartete auf eine neue Bestimmung, welche bald schon kam.
Für den Grand-Prix auf dem Hockenheimring am 1. August 1971 nämlich hatte Porsche-Pressechef Manfred Jantke dem AvD ein Rennleiter-Fahrzeug zugesagt. Für den Umbau war der Andersson-Renner bestens geeignet. Das Projekt betreute Herbert Linge. Der Leiter der Versuchsabteilung in Weissach kannte sich durch sein ausdauerndes Engagement um die Realisierung einer ONS-Staffel in diesem Bereich aus wie kein Zweiter und schuf mit einem Elf-Punkte-Plan ein voll ausgestattetes R-Fahrzeug, wie ein internes Schreiben vom 7. Juli 1971 überliefert.
Dieser Wagen bildete nach dem Nürburgring-Einsatz die Basis für ein einmaliges Erste-Hilfe-Fahrzeug der ONS-Staffel, das später als schnellste Feuerwehr der Welt in die Geschichte eingehen sollte. Die Haupt-Besonderheit war dabei, dass in dem großen Kofferraum ein komplettes, rund 120 Kilogramm schweres Lösch-Equipment Platz fand; der Nachteil: Der R-Wagen brachte es durch seine zusätzlichen Ausstattungsmerkmale auf über zwei Tonnen Gesamtgewicht.
Nach den Wintermonaten ging alles ganz schnell. Beim 1000-Kilometer-Rennen am 28. Mai 1972 wurde der R-Wagen auf dem Nürburgring vorgestellt, im Juli 1972 präsentierte die ONS das Fahrzeug und Anfang September 1972 sprach sich die „Grand Prix Drivers´ Association“, kurz GPDA, für die Einführung der Linge-Rettungsstaffel aus. Im Lastenheft stand: Ganz gleich, an welchem Punkt der Rennstrecke es einen Unfall geben sollte. Innerhalb von höchstens einer Minute musste ein Rettungswagen zur Stelle sein. Sonst hatte bei einem Brandunfall der Fahrer kaum eine Überlebenschance. Deswegen waren diese Fahrzeuge mit einem lizenzierten Rennfahrer und einem Notarzt besetzt; zur Ausstattung gehörten Brandbekämpfungsmittel und Bergungswerkzeug.
Am 24. September 1972 war bereits die Feuertaufe der von Linge zusammengestellten ONS-Staffel teilweise noch durch Privatfahrzeuge und Mietwagen vervollständigt; die Ausstattung war regelrecht zusammengebettelt. Die Interserie startet mit fliegendem Start. Bei voller Beschleunigung berühren sich der McLaren M8E von Franz Pesch und der Ferrari 512 von Herbert Müller. Der Zwölfzylinder des Schweizers wird gegen die Leitplanke gedrückt, hebt ab, überschlägt sich und landet in der Boxengasse. 250 Liter Sprit entzünden sich schlagartig. Auch Pesch bekommt den McLaren nicht mehr unter Kontrolle, rast in die Tankanlage und reißt zwei Zapfsäulen um. Ein Inferno bricht los. Linge ist mit dem 914/6 nach wenigen Sekunden vor Ort und löscht den Ferrari. Müller kann über Kopf herausklettern und rennt brennend auf einen Feuerwehrmann zu, der ihn mit voller Ladung löscht. Mit Verbrennungen im Gesicht und an den Händen kommt der Schweizer sofort ins Krankenhaus - und überlebt. Die Bilder gehen um die Welt. Niemand stirbt. Die Stimmen der Kritiker einer ONS-Staffel verstummen. Für Linges Idee einer mobilen Streckensicherung war das der Durchbruch, nach fast fünf Jahren. Jetzt bekommt er weitere Unterstützung. Den 914/6 und somit das erste Auto der Staffel bezahlt Recaro. Shell reiht sich ebenfalls in die Reihe der Sponsoren ein. Den Ritterschlag bekommt Linge schließlich im Januar 1973 im „Aktuellen Sportstudio“ des ZDF, als Moderator Arnim Basche seine Leistungen für die Sicherheit der Rennfahrer vor Millionen von Zuschauern würdigte.


Begriffskunde:

Bei den Planungen der ONS-Staffel wurden drei verschiedene Fahrzeugbestimmungen festgelegt. M-Wagen sind die sogenannten Marshall-Wagen, die nach dem Vorbild bei Motorradrennen, als Streckenaufsicht in das Renngeschehen integriert wurden.
S-Fahrzeuge dienten der Streckensicherung mit mindestens drei Sitzplätzen und sind entlang der Strecke stationiert. Das R-Fahrzeug war der Rennleiter-Wagen, ein Wettbewerbsfahrzeug der Gruppe 2 oder Gruppe 4 mit mindestens zwei Sitzplätzen. Dieses Fahrzeug muss sich im Rennen ohne Behinderung der Teilnehmer bewegen können. Es ist dem Rennleiter direkt unterstellt. Der Fahrer erhält eine Sonder-Lizenz. Auf dem Beifahrerstuhl sitzt immer ein Notarzt.