Silberhochzeit

Ist es ein Sakrileg, einen Oldtimer zu elektrifizieren? Die Antwort auf diese Frage muss sich jeder selbst geben. Auf jeden Fall aber gibt es dafür nicht erst Lösungen, seit der Markt mit E-Fahrzeugen boomt und mit staatlicher Unterstützung angeschoben wird. Vielmehr gibt es im kleinen Hilden in Nordrhein-Westfalen ein kleines Unternehmen, welches bereits vor 25 Jahren einem damals bereits 30 Jahre alten Porsche ein neues Leben einhauchte, also den Vierzylinder-Verbrenner durch einen Elektromotor ersetzte. Und weil in der Fachsprache die Verbindung von Karosserie und Motor als Hochzeit bezeichnet wird, feiert die GTÜ-Classic mit diesem Beitrag die erste nachhaltige Silberhochzeit eines nachträglich elektrifizierten Porsche. Für das Shooting auf dem idyllischen Gelände von classic eCars haben wir einen Panamera Hybrid hinzugezogen; um die Dimensionen der neuen E-Mobilitäts-Welt gegenüberzustellen.

Der Porsche 912 hätte 1997 bei der Einführung des H-Kennzeichens mit dem Vierzylinder-Verbrenner bestimmt die Voraussetzungen dafür erfüllt. Stattdessen aber realisierten Uwe Koenzen und Jens Broedersdorff bereits 1996 ein Referenzprojekt für ihre damals noch recht junge E-Mobilitäts-Firma. Dadurch hatten sie die Möglichkeit auf eine privilegierte historische Zulassung auf immer und ewig verspielt, da für die H-Zulassung keine gravierenden technischen Eingriffe erfolgen dürfen. „Privilegien haben uns bei dem Projekt nicht interessiert“ schmunzelt Uwe Koenzen heute und fährt fort: „E-Mobilität musste sichtbar gemacht werden, mit einem sympathischen Auto. Darum lag der Focus von Anfang an auf der Alltagstauglichkeit des betagten Porsche.“ Er ist eher der Kaufmann der beiden Partner, Jens Broedersdorff der Tüftler, das technische Genie. Geniale Lösungen für Kunden haben Sie als Team. Vor zehn Jahren elektrifizierten Sie einen Jaguar E als Werbeträger für einen Windkraftanlagen-Projektierer. Im Zusammenspiel mit einer mobilen Windkraft-Anlage wurde dadurch erstmals die gesamte Prozesskette der E-Mobilität sichtbar gemacht.

Bis heute fährt der Elektro-912 ohne technische „Ermüdungserscheinungen“, seit bald 100.000 Kilometern – die Batterien wurden dabei mehrfach dem aktuellen Stand der Technik angepasst. Vergleicht man das Gewicht und die Reichweite der ursprünglichen Blei-Säure-Antriebsbatterien mit den heutigen Lithium-Eisen-Phosphat-Zellen – dann fährt der 912 mit der Hälfte des Batteriegewichtes heute mehr als doppelt so weit, aber immer noch mit dem ersten E-Motor. Zu den E-Referenzfahrzeugen von classic eCars zählen neben dem 912, zahlreiche VW Käfer und  VW-Busse (T 1 bis T4) und zwei Elektro Spyder S sowie auch der oben beschriebene erste weltweit umgerüstete Jaguar E-Type. „Elektroautos dürfen alles sein – nur nicht langsam und langweilig“, so die Devise der beiden Geschäftsführer von classic eCars

In den letzten acht Jahren waren es zunehmend Forschungs- und Entwicklungsvorhaben des Bundeswirtschaftsministeriums, die die Entwicklungsarbeiten bei Broedersdorff & Koenzen bestimmt haben – vom bidirektionalen Laden bis hin zum robotergestützten automatisierten Schnellladen (ChargePal).

Heute gibt es verschiedene Lösungsansätze für die Elektrifizierung von Oldtimern, teilweise weitreichende Eingriffe. Bei eClassics entstehen einzigartige und hochwertige Käfer-Unikate. Das Unternehmen aus Renningen bei Stuttgart verbindet die liebgewonnene Optik des Käfers mit der modernsten Technologie eines Elektrofahrzeuges. Der neue VW-Antriebsstrang, die VW-Batterien und die weiteren VW-Komponenten garantieren die gewohnte Zuverlässigkeit der Kunden. Die alten Käfer-Karosserien werden auf ein komplett neu entwickeltes Fahrwerk gesetzt. Doch das ist eine andere Geschichte – und noch weit entfernt von einer Silberhochzeit. 

 Fotos: Solitude GmbH