1963: Erste Testfahrten mit dem Pritchard Steam Car / Dampfautomobile: Ford Falcon und Holden Torrano

Rund 10 Jahre lang erprobte der Australier Edward (Ted) Pritchard seine mit Wasser und Haushaltskerosin angetriebenen Hybrid-Steamcar-Motoren und stellte zwei Prototypen mit diesem Antrieb auf die Straße. Das erste Fahrzeug, ein umgebauter Ford Falcon, wurde vom australischen Royal Auto Club of Victoria einem unabhängigen Test unterzogen. Bereits 1963 fuhr Edward Pritchard mit diesem umgebauten dampfgetriebenen Ford Falcon über Melbournes Straßen und bewies damit, dass er damit ohne Probleme wie ein normaler Ford Falcon flott unterwegs war.

Ein Video des australischen Fernsehsenders ABC 1 über den Pritchard Steamcar 1963 im Stadtverkehr von Melbourne ist auf Youtube noch heute zu sehen. Pritchard verbrannte in diesem „Green Stripe Pritchard Steam Car“ so ziemlich alle brennbaren Flüssigkeiten, vom Haushaltskerosin bis zum selbstgebrannten Schnaps und befeuerte damit einen Verdampfer, in dem reines Wasser auf Temperatur gebracht wird und einen Zweizylindermotor antrieb. Die damit erzeugte Leistung von rund 45 PS reichten aus, um den Ford Falcon zügig im Straßenverkehr dahingleiten zu lassen.

 

Holden Torrano Sportwagen folgte 1975

Die Steamcars von Pritchard erregten zwar Aufmerksamkeit, aber trotz umfangreicher und erfolgreicher Tests sowie mehreren Patentanmeldungen und wohlmeinenden Worten in einschlägigen Fachzeitschriften, blieb der Pritchard Steam Car ein Exot. Die Automobilhersteller gaben diesem Antriebskonzept keine Chance und wagten sich nicht an eine Weiterentwicklung. Erst als Mitte der 1970er Jahre weltweit die Ölkrise für Sonntagsfahrverbote und Benzinknappheit sorgte, begann die Automobilindustrie sowohl über sparsamere und auch alternative Antriebe nachzudenken. Edward Pritchard nutzte diesen Umstand und stellte 1975 auf der Melbourne International Motor Show einen weiteren Steamcar vor. Der verbesserte Hybrid-Dampfantrieb steckte diesmal in einem sportlichen Holden Torrano, der in Australien von der General Motors Tochter angeboten wurde. Das schnittige Sportcoupe sorgte auf der Messe für Aufsehen und das australische Wissenschaftsmagazin Popular Science stellte den „Aussie steam car“ in ihrer Septemberausgabe in allen Details vor.

 

Hybridantrieb: Allesverbrenner und Wasserdampf

Edward Pritchard glaubte sich schon am Ziel, denn ausgehend von seinen ersten Versuchen in den 1960er Jahren mit dem Ford Falcon, sollte das neue Hybrid-System auch dank staatlicher Unterstützung der australischen Regierung jetzt den Durchbruch erleben. Das in Popular Science vorgestellte Fahrzeug war in vielen Punkten verbessert und wurde öffentlich diskutiert. Das System, mit einem Funktionsmodell auf der Messe veröffentlicht, war eigentlich sehr einfach aufgebaut, aber im Detail steckte die Innovation. Eine Kombination von Pumpe und Gebläse versorgt einen Brenner mit brennbarer Flüssigkeit und Luft. Der Tank konnte also sowohl normales Haushaltskerosin, Jamaika-Rum oder selbstgebrannten Schnaps enthalten. Beim Start entzündete eine Elektrode die fein zerstäubten brennbaren Flüssigkeiten und erwärmt die wasserführenden Rohre in einem Verdampfer. Der Wasserdampf wird dann in den Motor geleitet. Der erzeugte Dampfdruck wurde durch eine einfache Ein-/Aus-Automatik geregelt, die eine konstante Dampftemperatur von rund 500 Grad Celsius bei einer Verbrennungstemperatur von rund 1600 Grad Celsius vorhielt. Da die brennbaren Flüssigkeiten fast vollständig verbrannt wurden, war die Schadstoff-Emission niedriger als die in den USA 1976 geforderten Werte. Der eigentliche Motor war ein Zweizylinder-Aggregat, dessen Zylinder V-förmig angeordnet in einem Winkel von 90 Grad zu einander standen und damit doppelwirkend arbeiteten. Pritchard hatte die Konstruktion so angelegt, dass die Kolben sowohl bei der Abwärts- als auch bei der Aufwärtsbewegung Kraft abgaben. Die Leistung dieses Motors betrug unabhängigen Tests zufolge 45 PS.

Der von den Zylindern wieder abgegebene noch heiße Dampf wurde einem Wärmetauscher zugeführt, der das fließende Wasser vorwärmte. Der rückgeführte Wasserdampf hatte mit seinen 150 Grad immer noch genügend Energie, um die Wasserpumpe und das Kondensator-Gebläse anzutreiben. Der Kondensator hatte die Aufgabe den Dampf abzukühlen und in verflüssigter Form in den Wassertank zurückzuführen. Der Wasserkreislauf, so der Testbericht, konnte mit etwas mehr als 2 Litern Wasser aufrechterhalten werden. Die Geschwindigkeit des Wagens, die in der Spitze mit 150 km/h angegeben war, wurde wie in konventionellen Fahrzeugen mit einem Gaspedal geregelt. Die Stellung dieses Pedals bestimmte die Wasserdampfmenge, die dem Motor zugeführt wurde. Eine weitere Besonderheit: das Fahrzeug hatte kein Getriebe, sondern wurde durch einen „Cut Off“-Schalter ersetzt, der in drei Stufen die Öffnungsdauer der Einlassventile steuerte. Die Wirkung entsprach ähnlich einem Getriebe, denn der Schalter sorgte für das benötigte Drehmoment.

 

Pritchard Steam Power auf Australiens Farmen

Weitere Veränderungen an dem serienmäßigen Holden Torrano wurden von Pritchard an der Karosserie vorgenommen. Gegenüber dem Serienmodell veränderte er die Front- und Heckpartien, die dem Wagen ein futuristisches Aussehen gaben. Wichtiger war jedoch, dass diese Änderungen im Grunde den Luftwiderstand verringerten und den Kraftstoffverbrauch der brennbaren Flüssigkeiten senkten. Pritchard reichte dazu ebenfalls mehrere Patente ein und die Fachwelt attestierte dem findigen Australier ein brauchbares Konzept. Die Hybrididee zudem von vielen Herstellern damals aufgenommen und in zahlreichen Kombinationen getestet. Beispielsweise brachten Volkswagen und MAN in den 1970er einen VW Bus auf den Markt, der durch einen Benzin-Elektro-Hybrid angetrieben wurde. Nach einem Jahr verschwand dieses Modell aber in der Versenkung. Das Volkswagen-MAN-Patent kaufte dann Toyota auf und brachte 25 Jahre später den Prius Hybrid an den Start, der ab 2000 in Europa und in USA die Grundlage für die erfolgreiche Toyota Hybrid-Strategie wurde.

 

Aus Pritchard Steam Power wird Uniflow Power

Edward Pritchard gab ebenfalls nicht auf. Statt auf das Automobil, setzte das Unternehmen jetzt auf reine Wasserdampf-Stand-Motoren, um damit auf den entlegenen Farmen im australischen Outback die Energie für die Stromerzeugung und die Wasserpumpen bereitzustellen. Aus dieser Pritchard Steam Power Pty. Ltd. wurde letztendlich die Uniflow Power Ltd., die weitreichend alle globalen Patente der Pritchard Kerntechnologie und das Pritchard-Unternehmen erwarb. Nach Meinung von Uniflow Power ist die Pritchard Dampfmaschine, die in den 1960er Jahren von Edward (Ted) Pritchard entwickelt wurde, den meisten Verbrennungsmotoren in Bezug auf Kraftstoffverbrauch und umweltfreundlichen Emissionen noch heute weit voraus. Pritchards Technik steckt heute in den kommerziellen Modellen des Festbrennstoffgenerators Uniflow, der mit sehr geringen Emissionen und hoher Leistung arbeitet. Dieser Hybridmotor kombiniert Ethanol und Wasserdampf, um unabhängig von Versorgungsnetzen die benötigte Energie bereitzustellen.

Edward Pritchard lehrte nach seinem Versuch die Automobilindustrie für seinen Antrieb zu begeistern, noch lange Jahre in Melbourne als Dozent am Royal Melbourne Institute of Technology RMIT. Er unterrichtete dort die Prinzipien des Maschinenbaus und speziell zur Thermodynamik. Diese Lehrtätigkeit erlaubte es ihm, weiterhin moderne Antriebssysteme auf Basis Wasserdampf zu erforschen. Edward Pritchard starb am 16. August 2007 in Melbourne im Alter von 76 Jahren an Krebs. Ein Jahr zuvor erhielten wir anlässlich eines Besuchs in Melbourne von ihm persönlich eine Auswahl originaler Unterlagen seiner frühen Entwicklungen der Dampfmotoren, die sich heute in unserem GTÜ-Classic Archiv befinden.