Vergasertechnik: die „Lunge“ der klassischen Automobile - Deutsche Vergaser-Gesellschaft und Solex als Wegbereiter

Der Vergaser, von vielen als die Lunge der klassischen Automobile bezeichnet, begleitete die Automobilproduktion von etwa 1910 bis Anfang der 1980er Jahre als integraler Bestandteil der Motorentechnik. Der mit Abstand größte Hersteller und Lieferant in den Anfangsjahren des Automobils war die in Berlin ansässige Firma Pierburg, die 1931 als Deutsche Vergaser-Gesellschaft DVG umfirmiert und nach dem Krieg in Neuss weiterproduziert. 1978 firmierte die DVG erneut als Pierburg und gehört heute zur Rheinmetall Automotive.

Die in den Anfangsjahren des Automobils am Markt tätigen Fahrzeughersteller wurden von ebenso zahlreichen Vergaserherstellern begleitet, deren Bautypen und Konstruktionsvarianten die Erfindung des Pariser Ingenieurs Marcel Mennesson nicht überdauerte. Sein Vergaser wurde durch das Pariser Unternehmen Société Solex 1910 zum Patent angemeldet und setzte sich in den folgenden Jahren gegenüber den Mitbewerbern durch. Vergaserhersteller von A wie Amal bis Z wie Zenith, konnten in den Folgejahren den Siegeszug des Solex-Vergasers nicht stoppen. Mit Pierburg in Berlin, der das Solex-Patent für Deutschland erwarb, wurde der Weg der Großserienfertigung von Vergasern in Deutschland geebnet. Bereits 1931 firmierte das erfolgreiche Unternehmen Pierburg als Deutsche Vergaser-Gesellschaft unter der Leitung von Alfred Pierburg. Der Verdienst der DVG war es, die deutschen Automobilhersteller nahezu vollständig mit Solex- oder Zenith-Vergasern auszurüsten und bis Kriegsende zum größten Vergaserhersteller aufzusteigen.

 

Neustart nach dem Kriege in Neuss

Das Kriegsende traf die Deutsche Vergaser-Gesellschaft geradezu vernichtend, denn das Berliner Werk war vollkommen zerbombt. Was den verheerenden Bränden nicht zum Opfer fiel, wurde demontiert und die Betriebe in Prag, Forst und Wittenberge enteignet. Die deutsche Automobilindustrie musste sich nach Kriegsende zunächst mit Altbeständen an Vergasern und Kraftstoffpumpen behelfen. Daimler-Benz und Volkswagen begannen in dieser Übergangszeit mit Genehmigung der Deutschen Vergaser-Gesellschaft in Unterlizenz Vergaser und Benzinpumpen herzustellen. Bereits Anfang der 1950er Jahre verbauten alle deutschen Hersteller, mit Ausnahme von Opel in Rüsselsheim, wieder Vergaser der Deutschen Vergaser-Gesellschaft, die im westdeutschen Neuss im Jahre 1947 ein neues Werk in Betrieb nahm. Solex- und Zenith-Vergaser der DVG erobern in den Folgejahren des Wirtschaftswunders erneut den Markt.

 

Neue Vergasertechniken mit Startautomatik

Während kurz nach dem Krieg noch die ursprünglichen Vergasertypen hergestellt werden, begann Pierburg mit der Entwicklung neuer Techniken. Dazu zählen die „Vergaser-Vereisung“ ebenso wie das Verhalten der Vergaser in unterschiedlichen Höhenlagen. Der bis dahin am Armaturenbrett integrierte Choke, wurde durch die neu entwickelte Startautomatik abgelöst und 1956 geht mit der Solex-Baureihe PAITA der erste Registervergaser in Serie. Dieser Vergaser leistete eine sehr gute Gemischbildung auch im unteren Drehzahlbereich und ausreichenden Gemischdurchsatz bei Volllast oder sehr hohen Drehzahlen des Motors.

Weitere Markteinflüsse, wie die Anfang der 1960er Jahre in den USA geforderten strengeren Abgasgesetze und -normen, mussten sich in der Reduzierung der Schadstoffemissionen der Automobile niederschlagen. Spezielle Abgasvergaser wurden entwickelt, die eine geringere CO², HC und NOx-Emission gewährleisteten. 1968 kam dann der Gleichstromvergaser, der in Abwandlung eines amerikanischen Bendix-Stromberg-Patents das alte Fixdüsen-Prinzip durch variablere Düsensysteme ablöste. Eine neue Generation von Zenith-Vergasern kam auf den Markt, die für die Aufnahme von elektronischer Regelkreise aufgelegt waren. 1981 kam dann der erste durch Pierburg entwickelte elektronische Vergaser auf den Markt, nachdem die Deutsche Vergaser-Gesellschaft wieder in Pierburg umfirmierte.

Dabei hatte sich das technische Prinzip der Vergaser, wie im Patent von Marcel Mennesson 1910 bei Solex entwickelt, im Grunde genommen nicht wesentlich verändert. Die heutigen Einspritzanlagen in den Fahrzeugen bauen auf dieser in den meisten Oldtimern verbauten Vergasertechnik auf. Die „Lunge“ des Motors, also der Vergaser ist eigentlich ein Gemischbildner. Luft und Kraftstoff werden für jeden Betriebszustand dosiert, dabei wird der Kraftstoff sehr fein zerstäubt und mit Luft vermischt durch das Saugrohr in die Zylinder geführt. So wird jedem Verständlich, dass der Choke bei kalter Betriebstemperatur die Luftzufuhr beim Start drosselt, um den Treibstoff zu zünden und eine Startautomatik, der den Choke ablöste, diese Luftzufuhr elektronisch steuert.

 

Solex- und Zenith-Vergaser Anleitungen noch gefragt

Aktuell werden zwar keine Vergaser-Motoren mehr hergestellt, aber die klassischen Automobile der Jahre Vorkriegszeit bis hinein in die 1980er Jahre sind bei Originalzustand immer noch mit den Solex- und Zenith-Vergasern der Deutschen Vergaser- Gesellschaft ausgestattet. Sehr gefragt sind deshalb die Vergaser-Anleitungen der DVG, die den Werkstätten und versierten Schraubern die Funktionsweise und den Aufbau dieser Vergaser beschreiben. In den meist 20-Seiten umfassenden Heften werden dann in einem Teil B die Arbeitsweise des Vergasers wie Schwimmereinrichtung, Startautomatik, Temperaturkompensation, Leerlaufeinrichtung, Normalbetrieb und Beschleunigung erklärt. Kapitel C befasst sich mit der Bedienung und Regulierung des Vergasers und unter Kapitel D findet der Experte alles zum Thema Wartung. Die Vergaser-Bedienungsanleitungen enthalten zudem zahlreiche Abbildungen und Schnittzeichnungen, in denen die Bauteile des Vergasers aufgeführt sind und die eine Reparatur erleichtern sollen (siehe dazu unsere Auswahl der Solex- und Zenith-Vergaser-Wartungshefte des Archivs).

 

Deutsche Autohersteller und die verbauten Vergaser (1950-1970)

Eine kleine Auswahl der wichtigsten Vergasertypen der Baujahre 1950 bis 1970 zeigen wie umfangreich die Deutsche Vergaser-Gesellschaft den deutschen Automobilmarkt abdeckte:

1. Zenith Dreifach-Fallstromvergaser 40 TIN für Porsche 911 Typen von 1969 bis 1973

2. Solex Fallstromvergaser 32 und 34 PICB für DKW Union, BMW, Borgward, Mercedes-Benz, Ford, Glas, Goliath, Gutbrod, Hanomag, Steyr, Tempo

3. Solex Fallstromvergaser 32 und 34 PCI für Volkswagen Käfer, BMW 700, Lloyd Arabella und Lloyd 600, Glas T600 und T700, NSU 1200

4. Solex Fallstromvergaser 32 und 34 PDSIT 2/3 für VW Typ 2, VW 411, VW 1500

5. Auswahl an Solex-Vergaser Wartungsheften für deutsche Oldtimer

6. Auswahl an Zenith-Vergaser Wartungsheften für deutsche Oldtimer