Mythos Gepäckträger

Heute sieht man im Straßenverkehr vorwiegend Fahrräder auf Gepäckträgern – und im Winter Skiboxen. In den fünfziger und sechziger Jahren wurde praktisch alles auf das Dach geschnallt, genau genommen auf offene Trägersysteme. Der Grund war, dass die Fahrzeuge deutlich kleiner waren, und es kaum Kombis und schon gar keine SUVs gab. Und: Die Familien waren zahlenmäßig größer. So haben wir noch abenteuerlich beladene Dachgepäckträger in Erinnerung, nur mit vier Klemm-Verschraubungen an den Dachkanten befestigt.

Diese Fahrzeuge sind heute Oldtimer. Die dazugehörigen Gepäckträger sind weitgehend verschwunden und würden ja möglicherweise an den Befestigungspunkten den Lack beschädigen. Dieses Risiko nehmen nur die Allerwenigsten in Kauf. Somit sind Gepäckträger auf Oldtimern nur noch äußerst selten zu sehen. Wenn aber ein Klassiker mit einem Trägersystem vor einem steht, werden sofort Erinnerungen wach, vielleicht macht sich sogar ein Quäntchen Sehnsucht und Abenteuerlust breit. Die Betrachter grübeln, was der Wagen wohl transportieren wird. Vor ihrem geistigen Auge entstehen mögliche Geschichten: Ist es Gepäck für einen längeren Urlaub? Sofort folgen Zweifel. Das passt aber irgendwie nicht, da man doch mit einem Klassiker eher keinen längeren Urlaub mehr macht. Ist der Dachgepäckträger für Skier? Und auch hier gleich wieder die Verneinung: Oldtimer fahren doch nicht im Winter. Kurzum: Das Trägersystem macht neugierig und regt die Fantasie an, vor allem auch in Kombination mit Charaktertypen als Fahrer.

Das ist übrigens auch bei Youngtimern so. Im Großraum Stuttgart gibt es einen mattgrauen lackierten Porsche 996 mit Gepäckträger. Ein Hingucker. Und er wirkt mystisch. Manchmal hat er sogar ein Ersatzrad auf dem Dach. Nimmt er also an Langstreckenwettbewerben teil? Wir wissen es nicht – und gerade das regt die Fantasie an. 

Die GTÜ Classic kann zu diesem Thema aber auch Fakten berichten. Der hier abgebildete Porsche 911 des Modelljahres 1968 ist nämlich alle zwei Jahre bei der GTÜ-Prüfstelle Stoll + Kollegen in Sindelfingen bei Stuttgart – und für die letzten beiden Hauptuntersuchungen auch mit Gepäckträgern. Das machte uns neugierig und wir fragten nach seiner Geschichte. 

Die Gepäckträger-Geschichte begann am 13. März 2017, als um 9 Uhr der rote Elfer – übrigens noch die Version mit dem kurzen Radstand - in der Umberto-Nobile-Straße 12 vorfuhr. Ein ungewöhnlicher Anblick zu dieser Jahreszeit, vor allem auch, weil der Wagen mit Winterreifen und einem Heck-Gepäckträger ausgestattet war. Der Wagen war angemeldet und benötigte eine neue Hauptuntersuchung nach §29 StVZO und bestand ohne festgestellte Mängel. Der Fahrer war erleichtert, weil er bereits am 17. März in das französische Ski Örtchen Chamrousse aufbrach. Nicht aber zum Skifahren, sondern einer hierzulande vollkommen unbekannten Veranstaltung, der L´Alpine Classique. In dem über 2.000 Meter hoch gelegenen Skigebiet treffen sich jährlich ein paar Oldtimer-Enthusiasten und die Themen historisches Skifahren, Oldtimer und zeitgenössische Mode zu zelebrieren. Der 911 mit dem Heckgepäckträger à la 356 und den Skiern in Wagenfarbe avancierte schnell zum Publikumsliebling; und die Social-Media-Kanäle sorgten dafür, dass er in der Porsche-Szene Kult wurde.

Dann ergatterte der Besitzer einen zeitgenössischen Dach-Gepäckträger und der 911 trat im Jahr 2018 zum Fotoshooting mit Dieter Rebmann für einen Porsche-Kalender an. Im Januar 2019 schließlich kursierte der 68er erneut durch die Gazetten. Beim GP-Ice Race in Zell am See driftete der Wagen in der Klasse Skijöring, also mit einem Skifahrer im Schlepptau, über den Eis Parcours. Auf dem Gepäckträger wurde zwischen den Etappen das lange Seil abgelegt. Im Jahr 2020 schließlich erinnerte der 911 an einen Servicewagen für die Interserie. Bernd Becker aus Idar-Oberstein fuhr damals mit seinem Porsche 910 immer auf Achse zu den Rennpisten in ganz Europa. Seine Frau fuhr als Begleit- und Servicefahrzeug einen 911, mit den Ersatzreifen auf dem Dach.

Und Ende September 2020 folgten die emotionalsten Momente mit dem roten 911. Er fuhr – bestückt mit einem Surfbrett auf dem Dach - in die Normandie zum kultigen Beach-Race. Und mit etwas Glück findet man an den Stränden entlang des Atlantiks noch Zufahrten auf den Strand. Die Fotoshootings vor Ort wurden zum Fest für alle Sinne, bei Sonnenschein und Ebbe oder im Morgengrauen bei Flut. Den Fotos ist eigentlich nichts hinzuzufügen.