Belly Tank Racer - Normandy Beach Race

GTÜ Classic geht einem neuen Trend im historischen Motorsport auf den Grund, der immer mehr Enthusiasten in den Bann zieht: Strandrennen. Die Königsklasse sind dabei die „Belly Tank Racer“. Bildlich gesprochen sind damit „Rennzigarren“ gemeint. Diese besondere Rennszene geht auf die Aktivitäten eines Automobilclubs in Carlsbad, Kalifornien zurück. Sie nennen sich „Oilers“ und gelten als der coolste Rennclub der Welt. Dieser wurde am 30. November 1947 gegründet und durch seine Hot Rod-Rennen am Strand schnell bekannt. Hot Rods sind in der Regel stark modifizierte US-Cars der 1920er bis 1940er Jahre mit leistungsgesteigerten V8-Triebwerken und erleichterten Karosserien. Diese Fahrzeuggattung geriet nie in Vergessenheit und hat bis heute eine große Fangemeinde. An die Strandrennen hingegen erinnerte sich kaum noch jemand. Bis zum Jahr 2012. Der Oiler Car Club überraschte mit einem Revival nach altem Vorbild, für Fahrzeuge bis 1949. Zugelassen wurden auch nur Teilnehmer, die sich stilgerecht kleideten. Gefahren wurden Sprintrennen über die 1/8 Meile. Dabei muss die Streckenführung ständig an die Ebbe- und-Flut-Gegebenheiten angepasst werden. Das kultige Event sorgte am Strand von Wildwood in New Jersey als „The Race of Gentleman“, kurz TROG, für weltweit große Aufmerksamkeit.

Bei den fortan jährlich in den USA stattfindenden Strandrennen tauchte in den letzten Jahren eine neue Fahrzeuggattung auf: Die Belly Tanks. Diese Rennzigarren hatten Karosserien aus Zusatztanks der Kriegsflugzeuge des zweiten Weltkriegs wie beispielsweise der nordamerikanischen P 51 Mustang. Sie wurden am Rumpf oder an den Flügeln der Bomber als Zusatztanks befestigt, um die Reichweiten zu erhöhen. Nach Gebrauch wurden diese abgeworfen und waren deshalb in Kriegsgebieten überall zu finden. Da sie formal meistens sehr schön waren, wurden sie gerne gesammelt.

Die Konstrukteure der Belly Tank Racer verwendeten diese Zusatztanks als Karosserie, bauten Rahmen aus Ford-Komponenten und verwendeten auch die Achsen des Großserienherstellers. Für den Antrieb waren die V8-Flat Head-Motoren durch ihre flache Bauart geradezu prädestiniert. Die ersten Fahrzeuge erreichten 100 Meilen pro Stunde und noch heute gibt es aktuelle Racer, die bei der Speed Week in den USA bis zu 360 Meilen pro Stunde fahren.

Für die Teilnahme an den historischen Beach-Race-Veranstaltungen müssen die Fahrzeugkomponenten von 1947 oder älter sein. Durch die filigrane Optik wurden die Belly Tanks schnell zu den Publikumslieblingen.

Inzwischen gibt es auch in Holland und Frankreich diese spektakulären Strandrennen. Die drei Organisatoren des „Normandy Beach Race“ wurden bei einem Besuch des TROG in den USA so inspiriert, dass sie das Konzept in der Normandie erstmals im Jahr 2019 umsetzten.

Die Vorzeichen für 2020 standen durch Corona schlecht: Erst wenige Tage vor Veranstaltungsbeginn bekamen die Veranstalter nach Vorlage eines ausgeklügelten Hygiene-Konzepts das „Go“. Düster waren schließlich auch die Wetterprognosen. Es sollte regnen, von morgens bis abends.

Die GTÜ Classic wagte trotzdem das Abenteuer und hat einem englischen Team, welches mit einem kleinen Belly Tank antrat, über die Schulter geschaut.

Dabei begeisterten die beiden Engländer Ollie und Tom schon durch ihr Transportfahrzeug, einen Ford C-750 mit dem Beinamen „Big Job“ aus dem, Jahr 1957. Die Fähre von Dover erreichte um sieben Uhr morgens Calais. Für die 362 Kilometer zum Strand von Quistreham benötigte das Team mit dem V8-Truck dann nochmals rund sechs Stunden. Bereits am frühen Nachmittag des 24. Septembers 2020 brabbelte der imposante Pick-up dann auf die Promenade des Riva Bella Strandes und zog gleich eine Menschentraube an. Im kleinen Dörfchen Quistreham war es noch ruhig. Nur die Aufbauarbeiten am Strand ließen ein größeres Event erahnen. Selbst am Freitagvormittag waren nur vereinzelt Teilnehmer auszumachen. Eigentlich verwunderlich. Allein für die Car Show an der Waterfront hatten sich 300 Fahrzeuge angemeldet. Es waren nur Oldies bis zum Baujahr 1963 zugelassen.

Um 14 Uhr schließlich steuerte Tom, der die Karosseriefirma „Eagle Autos“ in England betreibt, den Truck zum Marktplatz. Dort trafen sich alle Teilnehmer zur technischen Abnahme. Ein Spektakel. Charaktertypen, soweit das Auge reicht – und die skurrilsten Fahrzeuge. Die Spannung auf die Rennen stieg. 

Der nächste Tag: Es war noch etwas nebelig - und kalt, als der Big Job um sieben Uhr im Vorstartbereich eintraf.  Tom und Ollie zogen lange Aluminium-Rampen von der Pritsche und rollten den kleinen Belly Tank nach unten. Die erste Startversuche scheiterten. Nach einigen Minuten aber grollte der 500 Kubikzentimeter große Honda-Motor ruhig vor sich hin. Ollie schälte sich in die Zigarre und fuhr vor zum Strand. Tom folgte mit der Werkzeugkiste auf den Schultern. 

Das Areal am Riva Bella Beach war umzäunt. Trotzdem hatten die Zuschauer sehr gute Sicht. Im „Infield“ waren aus Sicherheitsgründen nur die Fahrer mit ihren Teams zugelassen. Und eine Handvoll Journalisten. 

Die Teilnehmer sahen erstmals alle Mitbewerber und konnten sich ihre Chancen ausrechnen. Unser englisches Team brachte einen von nur drei Belly Tanks an den Start. Es gab noch ein Fahrzeug mit einem Sechszylinder Reihenmotor und einen V8 Flat Head. 

Ollie ist der Fahrer, er ist etwas kleiner und vor allem schmaler als Tom. 

Die Spannung steigt. Der stämmige Rennleiter ruft die Teilnehmer zum Start. Ollie stülpt seinen Halbschalenhelm über. Die Temperaturanzeige links vor ihm zeigt 80 Grad Celsius. Direkt vor ihm ist der Drehzahlmesser bis 4.000 Touren pro Minute positioniert. Der eigentlich viel zu moderne Honda V2 mit den Vergasern zwischen den Zylindern dreht natürlich viel höher. Rechts von Ollie reiht sich das französische Team mit dem Sechszylinder ein. Es starten immer zwei Fahrzeuge parallel. Das hübsche „Flaggirl“ zieht die Fahne hoch. Gestartet wird, wenn sie die Fahne wieder nach unten zieht.  Also jetzt. Ollie kommt recht gut weg. Sein Antrieb ist starr. Die Räder pflügen durch den Sand und der Belly Tank zieht davon, drei Wagenlängen vor seinem Gegner. Jeder will gewinnen. Trotzdem ist alles nur Show. Es gibt keine Wertung. 

Bei stürmischem, aber trockenem Wetter duellierten sich zwei Tage lang Motorräder vom Schlage BMW, BSA, Harley-Davidson, Indian und Norton. Unter das bunte Starterfeld mischte sich auch ein Triumph-Gespann, ambitioniert pilotiert von zwei Brüdern aus Genf. Wild ging es auch bei den zahlreichen Hot Rods zu. Je nach technischer Auslegung zogen einige davon, wie an der Schnur gezogen; andere hingegen hatten so gut wie keinem Vortrieb in dem zunehmend tiefer werdenden Sand. Summa summarum war die zweite Ausgabe des Normandy Beach Race ein Spektakel, welches wir in dieser Art noch nicht erlebt haben. Ein mobiles Abenteuer für unerschrockene Frauen und Männer.