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Noch bis zum 11. Oktober 2020 findet in der Motorworld Region Stuttgart die große Sonderschau „50 Jahre Interserie“ statt. Die GTÜ Classic hat recherchiert, wie es zu dem europäischen Pendant der amerikanischen CanAm-Serie kam und portraitiert den erfolgreichsten Interserie-Rennwagen aller Zeiten, den Porsche 917/30.

Die Interserie geht auf das Engagement des Motorsport-Club Stuttgart e. V., kurz MCS zurück. Der Traditionsclub im ADAC war Ende der sechziger Jahre noch in der Stuttgarter Mitte, Theodor-Heuss-Straße 15 beheimatet, der Mitgliedsbeitrag betrug jährlich 40 Mark. Für zehn Mark gab es die beliebte Autoplakette. Der MCS war damals der Veranstalter des Südwest-Pokals, der Nachfolgeveranstaltung des Internationalen Solitude-Rennens, welcher von 1968 an auf dem Hockenheimring ausgetragen wurde. Sämtliche Motorsportveranstaltungen leitete damals Rolf Moll. Sein Rennleiter war Porsche-USA-Vertriebsleiter Ed Peter. Die Idee zur Interserie aber hatte Gerhard Härle, der damalige Sportleiter des Motorsport-Clubs Stuttgart. Das Ansinnen des früheren Porsche-Mitarbeiters war, ein europäisches Gegenstück zur beliebten CanAm-Serie zu platzieren. Und der Zeitpunkt war Ende der sechziger Jahre optimal. Die Marken-Weltmeisterschaft für Dreiliter-Fahrzeuge lief aus und die Boliden benötigten eine neue „Spielwiese“. Um den zunehmenden Vorschriften bei Sportwagen und Prototypen zu entgehen, wurden die Rennen der Interserie gemäß des neuen Reglements für zweisitzige Rennwagen der Gruppe 7 ausgetragen, ohne Hubraumbeschränkung; selbst aufgeladene Motoren und Turbinenantriebe wurden gestattet. 

Moll war von der Idee seines Sportleiters sofort begeistert und stellte die entsprechenden Weichen. Als Forum zur Präsentation der neuen Rennserie bot sich die „Motor-Sport-Freizeit“ im Januar 1970 an.  Auf Initiative des Motorsport-Clubs Stuttgart und der ADAC Gau Württemberg wurde nämlich zwei Jahre zuvor auf dem Messegelände Stuttgart-Killesberg diese Ausstellung für Rennsport, Camping und Wandern ins Leben gerufen – der Vorläufer der heutige CMT. Das neue Format mit der größten Rennwagenschau in Europa war auch als ein kleiner Trost gedacht, da auf der Solitude-Rennstrecke keine Rennen mehr ausgetragen werden durften und Stuttgart weiterhin den Kontakt zur internationalen Rennszene aufrechterhalten wollte. 

Auch bei den europäischen Rennveranstaltern ließ Rolf Moll seine Kontakte spielen. Der Saison-Auftakt erfolgte am 28. Juni 1970 auf dem Norisring. Es folgte am 5 Juli das erste Rennen auf dem Hockenheimring; am 11. Juli in Croft in England, am 23 August in Finnland auf dem Kurs von Keimola und am 20. September im englischen Thruxton. Das große Finale war schließlich erneut auf dem Hockenheimring, am 11. Oktober 1970.  

Porsche-Fahrzeuge dominierten mit dem 917 von Anbeginn an die europäische Interserie bis 1974. Die Gesamtsieger hießen 1970 Jürgen Neuhaus (917 Coupé), 1971 bis 1973 Leo Kinunnen (917 Coupé und 917/10 Spyder) sowie 1974 Herbert Müller (917/30 Spyder).

Erfolgreichster Interserie-Rennwagen aller Zeiten war der Siegerwagen von dem Schweizer Rennfahrer Müller, der 917/30 mit der Fahrgestellnummer 1. 

Dabei begann die Karriere des mächtigen Turbos mit den höchsten Strapazen. Der Zwölfzylinder legte als Versuchs- und Entwicklungsfahrzeug zwischen dem 10. November 1972 und dem 25. April 1973 insgesamt 3.000 Test-Kilometer zurück; mit den damals schnellsten Fahrern dieser Klasse, nämlich Mark Donohue, George Follmer und Willi Kauhsen. 

In der Saison 1973 schließlich kam es zum ersten Renneinsatz. Und wieder hatte der MCS die Hände im Spiel. Zum bevorstehenden 5. Lauf am 15. Juli 1973 beim Heimrennen auf dem Hockenheimring ließ der einflussreiche Club sämtliche Beziehungen spielen. Er lieh bei Porsche den 917/30-001, verpflichtete Vic Elford als Fahrer und konnte Jägermeister als Sponsor gewinnen. Die Rechnung ging auf. Der britische Rennfahrer wurde Gesamtsieger, vor Georg Loos und Ernst Kraus.

Nummer 1 blieb ein Leihfahrzeug. Das Weissberg-Team bestritt den Rest der Saison 1973 mit Routinier Helmut Kelleners am 19. August in Santa Monica und am 30. September auf dem Hockenheimring. 1974 schließlich unterzeichnete das privat operierende Dannesberger Martini-Team einen Leihvertrag in Zuffenhausen. Der Schweizer Herbert Müller bestritt unter dieser Flagge fünf Rennen und Leo Kinunnen eines.  Müller wurde Meister. Am 13. April 1975 gewann Herbert Müller mit Chassis-Nummer 1 nochmals das Interserie-Rennen auf dem Hockenheimring und bescherte damit dem bis zu 1.200 PS starken Turbo den siebten Gesamtsieg bei einem Interserie-Rennen. Sponsor des letzten Einsatzes war die Heizungsfirma Vaillant. 

917/30-001 blieb stets im Fundus des Porsche-Museums und wurde erst 2018 restauriert, rechtzeitig zum Jubiläum „50 Jahre Porsche 917“ im Jahr 2019. Am 28. Juni 2020 brachte ihn das Porsche-Museum in die Motorworld, als Ikone der Sonderausstellung „50 Jahre Interserie“. Ein Besuch lohnt sich. Nähere Informationen über das Pop-up-Event finden Sie unter www.big-bangers.com.