Roller, Rollermobile & Raritäten – vier Jahrzehnte Leidenschaft / Die Sammlung des Museums RRRollipop im Dorotheum versteigert

Vier Jahrzehnte Sammelleidenschaft der beiden Museumsgründer Erich Schenkel und Norbert G. Mylios ergaben ein Inventar von über 70 Jahren europäische Fahrzeuggeschichte mit rund 130 Exponaten, deren Marken heute aus dem Bewusstsein der Menschen verschwunden sind und die eine Ära der Kleinautomobile, Roller und Motorfahrräder repräsentieren. Die Sammlung RRRollipop aus Eggenburg wurde jetzt vom Auktionshaus Dorotheum in Vössendorf bei Wien am 10. Juli 2020 versteigert. Die Besonderheit der Auktion: alle Fahrzeuge wurden ohne Mindestgebot versteigert. Wer aber glaubte hier das eine oder andere Schnäppchen nach Hause rollen zu können, sah sich getäuscht, denn die Nachfrage war enorm. Ausnahmslos alle angebotenen Lots wurden verkauft, denn alle Fahrzeuge waren Raritäten und in diesem Zustand wohl kaum noch zu haben.

Rollerboom der Nachkriegsjahre in Europa

Blenden wir zurück in die Nachkriegsjahre auf dem europäischen Kontinent. Das Automobil, um 1930 gerade aus den Kinderschuhen entwachsen und auf dem Weg zum ausgereiften Fahrzeug, wurde durch die Kriegsjahre meist militärisch zweckentfremdet und war zudem für die Masse der Europäer nicht erschwinglich. Kein Wunder, dass nach dem Krieg die Rollermobile, Mopeds und Motorfahrräder den Wunsch nach Mobilität unterstrichen und die verrücktesten Fahrzeuge auf den Markt brachten. Allen voran waren dies bei den Motorrollern die neu entwickelten Vespas, die einen europaweiten Boom an Nachahmern nach sich zogen. Ob in Deutschland die Firmen Glas mit Goggoroller, Maico, Röhr, Heinkel, Kreidler, Achilles, DKW, Dürkopp oder in der DDR die IFA- und IWL-Roller, in Italien Lambretta, Parilla und Piaggio – sie alle kamen dem Bedürfnis nach Mobilität sehr entgegen.

 

Kauba, Walter und Meister aus Österreich

Wäre das RRRollipop Museum nicht im österreichischen Eggenburg gegründet worden, gäbe es sicherlich nicht so eine vollständige Geschichte der Österreichischen Rollermobile, die vor allem von den Firmen Puch und Lohner initiiert vorangetrieben wurde und technisch bemerkenswerte Roller dem großen Heer der Unbekannten Einzelgänger wie Kauba, HMW, Walter, Meister, der jungen KTM und Steyr entgegensetzten. Die Sammlung RRR, die zur Dorotheum-Auktion aufgeboten wurde, hatte aber auch die Tschechischen CZ, die englischen und französischen Rollerhersteller im Portfolio. Namen wie Terrot, Peugeot, Bernardet, Mochet und Motobecane aus Frankreich, standen einvernehmlich mit Brockhouse, Douglas, New-Map, Scootacor, Berkeley und Meadows auf der Bühne – und alle fanden ihre Fangemeinde.

 

Mobil ja, aber mit Dach über dem Kopf

Während Ende der 1960er Jahre die Krise der Motorräder und Motorroller über den Kontinent schwappte, da die Menschen auf der Suche nach rollen Ersatz mit Dach über dem Kopf waren, fanden dann allen voran die Kabinenroller von Messerschmitt und FMR aus Deutschland ihre Käufer. Dem Trend folgend rollten dann Goggomobil, Fuldamobil, Kleinschnittger und Heinkel dem Trend hinterher und in England machten die Winzlinge Peel, New-Map, Bond, Scootacar, Berkeley und Meadows mit erstaunlich platzsparenden Kreationen von sich reden. Bis heute ist der Peel, das kleinste Automobil der Welt. Italien steuerte in diesem Segment noch die Isetta und Autobianchi bei und in Schweden und Griechenland kamen Fram-King und Alta Lizenznachbauten des deutschen Fuldamobil auf den Markt. Selbst Österreich hatte seine automobilen Flöhe, die vor allem von der heute völlig vergessenen Firma Meister hergestellt wurden. Bekannter und länger am Markt waren die Fiat-Lizenzen von Puch und Steyr. 

Insgesamt wurden rund 130 Fahrzeugangebote vom Motorfahrrad bis Motorroller und Kleinwagen aufgeboten, die allesamt neue Käufer fanden. Allein die 37 Kleinautomobile erbrachten eine Gesamtsumme von rund 767.000 EUR, was einen Durchschnittspreis von rund 20.700 EUR je Kleinwagen ergab. Spitzenreiter waren die beiden englischen Peels. Der Peel P.50 ging für 85.100 EUR weg, der Peel Trident für 66.700 EUR.

 

Ersatzteile, Prospekte und Fachzeitschriften

Neben dem gesamten Fahrrad, Motorroller und Kleinwagenbestand des RRRollipop Museums gingen weitere 160 Angebotsposten in die Versteigerung, die vor allem aus Ersatzteilen, Reklame und Prospekten sowie Fachzeitschriften bestanden. Motoren, Karosserieteile, Instrumente, Armaturen und Beleuchtungseinheiten, Räder und Radkappen und vor allem die Emailschilder der Händler und Hersteller waren schnell verkauft und selbst die Printangebote aus kompletten Jahrgängen der Fachzeitschriften aus jener Zeit fanden neue Besitzer. 

Der einzige Wehrmutstropfen an dieser Auktion: Leider ist mit der kompletten Auflösung dieser einzigartigen Sammlung ein Stück Fahrzeuggeschichte für immer in alle Winde zerstreut worden und steht für nachfolgende Generationen nicht mehr zur Besichtigung. Neben der Bruce Weiner Microcar-Sammlung aus den USA, die 2013 komplett versteigert wurde, war die RRRollipop Museums-Sammlung die einzige nahezu vollständige Sammlung über die Ära der Rollermobile und Kleinstwagen. Am 10. Juli 2020 konnte letztmals der große Auftritt der Kleinen im Dorotheum bewundert werden. Bleibt zu hoffen, dass die neuen Besitzer diese herrlichen Zeitzeugen nicht wegsperren, sondern auf den hoffentlich bald wieder stattfindenden Klassiktreffen den Besuchern zeigen. Sollte der eine oder andere Interessent dieser Kleinwagen, Rollermobilen oder Dreirädern Informationen benötigen, das GTÜ Classic Archiv besitzt zu diesen Fahrzeugen ebenfalls technische Unterlagen und kann über die GTÜ Classic Partner angefragt werden.