Red-Ruby Antarctica 1: ein roter VW Käfer erobert den Südpol - Volkswagen Australien lieferte insgesamt drei Expeditionskäfer

Die Geschichte der Volkswagen Expeditions-Käfer „Antarctica 1-3“ hatte eigentlich zwei Väter: zum einen die „Australian National Antarctic Research Expedition (ANARE)“, die 1962 nach günstigen Transportmitteln für ihre Forschungsstation Mawson auf dem Südpol suchte und zum anderen die Volkswagen-Zentrale in Deutschland, die ihre weltweiten Tochtergesellschaften damals ermutigte, ihre Marketingbemühungen für den VW-Service unter extremen Bedingungen bekannter zu machen. Kein Wunder, dass der neue ANARE Expeditionsleiter Ray McMahon im November 1962 im Marketingbüro von Volkswagen Australasien in Clayton mit offenen Armen empfangen wurde. Sein Vorschlag: Volkswagen Australasien solle der ANARE-Expedition auf dem Südpol zunächst einen Volkswagen Käfer zu Testzwecken zur Verfügung stellen. Auf der Mawson Station, die von Australien und Russland damals gemeinsam in Kooperation betrieben wurde, waren bislang Kettenfahrzeuge, Hundeschlitten und Motorräder im Einsatz, die jedoch alle ihre Einsatzgrenzen hatten. Motorräder konnten nur kleine Lasten transportieren, Kettenfahrzeuge waren nur 5 km/h schnell und verbrauchten zu viel Kraftstoff und Hundegespanne mussten trainiert werden, brauchten ständig Pflege, frisches Futter und konnten nur von erfahrenen Mitarbeitern genutzt werden. Die VW Marketing-Mannschaft in Australien war sofort begeistert von der Idee und wollte ein normales Serienfahrzeug in die Antarktis schicken, den Red-Ruby Käfer.

Red-Ruby Antarctica 1 wird Winterfest gemacht

Volkswagen Australasia schlug dem Expeditionsleiter Ray McMahon vor, sich ein Fahrzeug aus der Serienproduktion Dezember 1962 auszusuchen. Er wählte den Red-Ruby Beetle, ein VW Käfer 1200 Standard. Die Farbe Red-Ruby wurde gewählt, damit sich das Auto im ewigen Eis deutlich in der Schneelandschaft abhebt. Den Rest besorgte die Volkswagen Service-Mannschaft, die dem sonnenverwöhnten australischen Käfer eine „Nordeuropäische Winterausstattung“ verpasste. Red-Ruby Antarctica 1 erhielt spezielle europäische Kurbelwellenlager, die auf die extremen Niedrigtemperaturen von Norwegen und Finnland ausgelegt waren. Die Auspuffkrümmer wurden mit Asbestisolierung umhüllt, um das anfängliche Aufwärmen zu unterstützen. Vorderradlager und Drehstäbe wurden mit wintertauglichem Lithiumfett geschmiert. Hinzu kamen zwei Hochleistungs-Sechs-Volt-Batterien, die in Reihe geschaltet waren. Beim Starten stand somit 12 Volt Spannung bereit, während das Bordnetz mit 6 Volt weiterarbeitete. Eine Anhängerkupplung und ein Ölwannenschutz wurden ebenfalls montiert und auf das Dach kam ein großer Gepäckträger. Ein weiteres Detail war eine speziell für Red-Ruby Antarctica 1 angefertigter Luftgitterschutz, der am Heck angebracht die Luftzufuhr drosselte. Zur Volkswagen-Ausstattung gehörte zudem eine Kiste mit den notwendigsten Ersatzteilen und eine in der Schweiz hergestellte hochwertige 16-mm Bolex-Filmkamera samt großzügigem Vorrat an Filmdosen, denn der Einsatz des Red-Ruby-Käfers am Südpol sollte gebührend im Film festgehalten werden. Dazu bekam der Käfer noch auf die Türen große ANARE-Expeditionslogos und spezielle Aluminium-Nummernschilder „ANTARCTICA 1“ auf die Stoßstangen. Der VW Antarctica 1 wurde im Hafen von Melbourne auf das Versorgungsschiff Nella Dan verladen und zur 6100 km südlich gelegenen Station Mawson verschifft. Im Januar 1963 wurde Red-Ruby Antarctica 1 zusammen mit den üblichen Vorräten entladen. Der Benzintank wurde von den Ingenieuren mit einem speziellen BP-Winterbenzin befüllt.

 

Filmarchiv der „Antarctic Digital Heritage“ auf YouTube.com

Antarctica 1 durchlief nach seiner Ankunft am Südpol einige Probefahrten zur Landebahn Rumdoodle im Landesinnern auf einem Eisplateau. Das größte Hindernis dabei war ein steiler Schneehang, der von der Küste zum Eisplateau führte. Expeditionsleiter Ray McMahon gewann die Wette gegen alle Zweifler, denn der Antarctica-Käfer schaffte die Strecke mit Bravour. Der offizielle Expeditionsfotograf machte eine Reihe von Fotos und drehte dabei einen Film mit dem Red-Ruby Antarctica 1 auf dem Südpol, die an Bord des Versorgungsschiffes Nella Dan nach Australien zurückgingen. Diese ersten Fotos und Filmaufnahmen sorgten weltweit für Aufsehen und wurden in einer Reihe von Volkswagen Anzeigen und Werbeaktionen verwendet. Der rote Käfer verbrachte ein ganzes Jahr auf der Polarstation und konkurrierte mit den Hundeteams und Kettenfahrzeugen. Die Filmaufnahmen des Red-Ruby-Antarctica 1 sind heute im National Library of Australia archiviert. Ausschnitte vom „Volkswagen Beetle at Mawson Station Antarctica (1963)“ sind auf dem YouTube.com-Kanal „Antarctic Digital Heritage“ veröffentlicht. Der rund 10 Minuten dauernde Streifen zeigt die extremen Bedingungen auf der Polarstation und mittendrin der rote Käfer im Einsatz.

 

Antarctica 1 wird ausgetauscht und Besuch in Europa

1964 wurde der Ruby-Red Antarctica 1 mit der Ankunft des neuen Expeditionsteams ausgetauscht. Der Antarctica 2 wurde ebenfalls bei VW in Australien hergestellt und war diesmal in Orange lackiert. Genau wie sein Vorgänger wurde der Antarctica 2 Käfer winterfest ausgestattet und besaß eine zusätzliche Verstrebung der Vorderachse, um das Rahmenkopfproblem abzustellen, dass sein Vorgänger noch hatte. Antarctica 1 wurde für die Heimreise auf das Versorgungsschiff Nella Dan verladen und ab hier verlor sich zunächst seine Spur. Anlässlich des 40. Jahrestages der ersten Expedition suchten einige VW-Enthusiasten nach dem inzwischen verschollenen Volkswagen Käfer Red-Ruby „Antarctica 1“ und wurden 2001 fündig. Anhand des vorhandenen Bildmaterials und Aussagen der damals Beteiligten wurde aus den vorhandenen Fahrzeugresten der Antarctica 1-Käfer originalgetreu wieder aufgebaut und der australischen Bevölkerung in den Medien und auf der Straße präsentiert. Zeitgleich wurden zum 50-jährigen Jubiläum von VW Australien eine Deutschlandreise finanziert, die im Mai/Juni 2003 stattfand. Der Antarctica 1-Käfer wurde nach Deutschland verschifft, dort verzollt und auf einer 2.600 km langen Europafahrt auf VW-Treffen gezeigt. Am 24. und 25. Juni 2003 besuchte die Reisegruppe auch Wolfsburg. Eine Werksbesichtigung, ein Besuch im Volkswagenmuseum in der Dieselstraße und ein Besuch in der Autostadt standen auf dem Programm. Wider Erwarten und mit großer Enttäuschung musste die australische Reisegruppe zur Kenntnis nehmen, dass Volkswagen kein Interesse an diesem Fahrzeug hatte. Hier schlug dann die Stunde von Jürgen Kolle aus Braunschweig. Er nutzte die einmalige Gelegenheit und erwarb den Antarctica 1-Käfer für sein Museum, um ihn weiterhin interessierten VW-Enthusiasten zu zeigen. Dank seiner australischen Freunde, die ihm den Wagen überließen, ist das Fahrzeug heute im „Automuseum Braunschweig, Sammlung historischer Fahrzeuge“ untergebracht. Auf der letzten Bremen Classic Motorshow 2020, die noch vor der Covid-19-Pandemie mit Besuchern stattfinden konnte, war der Red-Ruby Antarctica 1 voll ausgestattet am Stand der GTÜ Classic zu bewundern. Wer diesen Auftritt verpasst hat, kann sich den roten Käfer der ANARE-Expedition im Automuseum Braunschweig im Falkenhorst 2b in 38108 Braunschweig anschauen. Der Eintritt ist kostenlos. Stattdessen wird eine kleine Spende für die Sammlung historischer Fahrzeuge erbeten.